Mag. Dr. Thomas Duschlbauer, MA
Dozent an der FH St. Pölten und Leiter des Hochschullehrgangs für Eventmanagement.

Die „Gesellschaft des Spektakels“, welche der vor genau 20 Jahren verstorbene Künstler Guy de Bord skizzierte, erfährt eine Neudefinition. In seiner Konsum- und Medienkritik beschrieb de Bord bereits 1968 eine Gesellschaft, worin die Alltagserfahrung zunehmend von Werbung und PR durchdrungen und inszeniert ist. Die Menschen agieren darin quasi wie hypnotisiert und kompensieren das, was ihnen im Alltag versagt bleibt, über den Starkult, weshalb auch die Politik zu einem Showbusiness geworden ist.
De Bord konnte als einer der bedeutendsten Vertreter des Situationismus damals allerdings noch nicht jene Auswirkungen erahnen, die mit der Entwicklung des Internets und der mobilen Anwendungen der Kommunikation ausgelöst wurden. Denn mit dieser Technologie ausgestattet, ist es den Menschen nun auch möglich, in diese Inszenierungen einzugreifen, sogar selbst inszenatorisch tätig zu werden und so beispielsweise Anliegen einer Gegenöffentlichkeit zu stärken. Ein historisches Beispiel dafür waren jene Flashmobs, die 2002 in Spanien den Ausgang des Wahlkampfes wesentlich beeinflusst haben. Nach den Terroranschlägen der Al Kaida auf Züge in Madrid hat die damalige Regierung alles unternommen, um die Urheberschaft auf die ETA zu schieben. Als sich dieses „Storytelling“ als nicht glaubwürdig entpuppte und Großdemons-trationen verboten wurden, entlud sich der Volkszorn in spontanen Kundgebungen, die einfach via SMS – es gab noch kein Facebook – organisiert wurden.

Aktionsformen als Alltagserfahrung

„Verbieten ist verboten“, lautete ein Credo der Situationisten, weshalb derartige Ereignisse durchaus deren Vorstellungen entsprechen würden – auch dann, wenn Flashmobs keine politischen Ziele verfolgen und sogar als sinnentleert erscheinen mögen. Neben dem Flashmob treten auch noch andere Aktionsformen wie Performances, Interventionen im öffentlichen Raum, Guerilla etc. in unseren Alltag. Da Events schon zum Alltag gehören, eignen sich subversive Gruppen wie das Berliner Peng Collective sogar fremde Events an, um beispielsweise bei einem Science Slam von Shell eine Bühne für ihre Anliegen zu erhalten. All diese Aktivitäten sind gekoppelt mit Anwendungen der neuen Medien und leben u.a. von der Aufmerksamkeit, die sie beispielsweise über Youtube erlangen.

„Switchern“ entgegenkommen

Gerade auch angesichts von Menschen, die sich zunehmend spontan für etwas entscheiden und im Sinne eines gelebten Optionalismus dauernd zwischen unterschiedlichen Betätigungen switchen möchten, werden Events immer niedrigschwelliger, so dass die Übergänge zur Alltagserfahrung fließend und nicht unbedingt als geplant und inszeniert wahrgenommen werden. Selbst die Verteilung der Rollen zwischen aktiv und passiv wird bei solchen Formaten aufgehoben, wie es beispielsweise bei einem Barcamp als einem dezidierten „Nichtevent“ bzw. etwas geplant Ungeplantem der Fall ist.

Das Erlebnis als Designaufgabe

All diese Veränderungen machen die Konzeption und Inszenierung eines Events nicht leichter, zumal es unzählige Anknüpfungspunkte zu verschiedenen Gestaltungsprinzipien und medialen Dimensionen gibt. Zudem besteht die Herausforderung darin, sich wirklich auf das Erleben zu konzentrieren und dabei auch ganz gezielt mit Erwartungen zu brechen. Diese Arbeit an den unterschiedlichen gestalterischen Schnittstellen ist durchaus mit einer komplexen Designaufgabe zu vergleichen und wird künftig auch verstärkt mit Methoden wie etwa dem Design Thinking durchdrungen werden. So wie bei Design Thinking Prozessen üblich, wird es auch bei der Kreation von Erlebnissen notwendig sein, sich in multidisziplinären Gruppen intensiv mit Ethnographie und Design zu befassen und Kenntnisse über Technologien und Wirtschaft miteinander zu kombinieren.
Angesichts der Veränderungen in Gesellschaft und Technologie, wie sie beispielsweise in „Green Events“ oder den hybriden Events im realen und virtuellen Raum zum Ausdruck kommen, bedarf es also gar keiner komplexen Raketenwissenschaft. Es geht lediglich darum, solche bestehenden Ansätze zu nutzen, die zu einem besseren Verständnis dieses Wandels und uns zu den verborgenen Bedürfnissen der Menschen führen.