Noch immer landen 38 Prozent aller europäischen Kunststoffabfälle auf Müllhalden. Dieser aus ökologischer und ökonomischer Sicht unverantwortbare Zustand veranlasste internationale Dachorganisationen der Kunststoff- und Recyclingwirtschaft dazu, sich und den europäischen Regierungen ein ambitioniertes Ziel zu setzen: Bis zum Jahr 2020 sollen in Europa keine Kunststoffe mehr deponiert werden. Was in den neuen Mitglieds- und den Mittelmeerstaaten noch nach Zukunftsmusik klingt, ist in Österreich, Deutschland und der Schweiz aufgrund eines Deponieverbots bereits jetzt Realität.

Thermische Verwertung ist vorherrschend

Obgleich die österreichische Recycling-Infrastruktur im europäischen Vergleich mit hohen Quoten an tatsächlich recyceltem Kunststoff punkten kann, werden immer noch mehr als zwei Drittel der anfallenden Kunststoffe in Österreich thermisch verwertet, das heißt zur Gewinnung von Energie und Wärme verbrannt. „Natürlich wäre es besser, Abfälle werkstofflich anstatt thermisch zu verwerten. Wenn die Abfälle aber zu verunreinigt sind, ist eine effiziente Aufbereitung oft nicht möglich. Die thermische Verwertung ist dann eine sinnvolle Alternative“, erklärt der Recyclingexperte Gerhard Walter. Das verbleibende Drittel der Kunststoffabfälle, vorwiegend Verpackungsmaterialien, wird werkstofflich recycelt. Am Ende dieses Prozesses steht der Sekundärrohstoff Rezyklat, der in der Kunststoff-erzeugung den Primärrohstoff Erdöl weitgehend ersetzen kann.

Rezyklat-Produktion

In unzähligen Arbeitsschritten werden die Post-Consumer-Abfälle mehrmals filtriert, zerkleinert und gewaschen, bevor sie weiterverarbeitet werden können. „Im Extruder, dem Herzstück des Produktionsprozesses, wird das Material bei ca. 250° eingeschmolzen und anschließend durch Siebe gepresst. Das Endprodukt ist ein Granulat, welches ein bisschen an Linsen erinnert“, führt Kunststoffexperte Reinhard Intemann aus. Dieses Granulat ist das Ausgangsmaterial für neue Produkte aus Kunststoff und kann den andernfalls zur Anwendung kommenden Primärrohstoff nahezu hundertprozentig ersetzen.

Der Einsatz dieses Sekundärrohstoffes bietet sowohl ökologische als auch ökonomische Vorteile. Die Herstellung des Rezyklats benötigt nur halb so viel Energie und Wasser wie der ursprüngliche Produktionsprozess der Kunststoffe. Ökologisch betrachtet lassen sich dadurch nicht nur Energie- und Erdölverbrauch, sondern auch CO²-Emissionen minimieren. Auch aus betriebswirtschaftlicher Perspektive empfiehlt sich der Einsatz von Rezyklat. Kunststoffverarbeitende Betriebe können damit rund 40 Prozent ihrer Rohstoffkosten einsparen.

Guter Abfall ist Mangelware

Post-Consumer-Abfälle sind mittlerweile zu einer begehrten, international gehandelten Ressource geworden. Auch österreichische Unternehmen sind auf diesem Markt aktiv, da allein durch die hierzulande anfallende Kunststoffmenge die Produktionskapazitäten der Kunststoff-Recycler nicht bedient werden können. „Größter Konkurrent bei der Beschaffung von Kunststoffabfällen sind chinesische Unternehmen. Da Mülltrennung und Recycling dort praktisch nicht stattfinden, sind diese Firmen bereit, hohe Preise für hochwertige Kunststoffabfälle zu bezahlen“, verrät Walter. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, kaufen hiesige Betriebe günstigeren Abfall mit geringerer Qualität. Aufgrund des hohen technischen Niveaus der österreichischen Kunststoffwirtschaft ist es dennoch möglich, hochwertiges Rezyklat herzustellen. „Die Qualität des Rezyklats entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit des Produkts und damit des herstellenden Unternehmen. Nur wer gute Qualität liefern kann, kann der Konkurrenz standhalten“, sagt Intemann.

Beimischungsquote

Trotz der vielen Vorteile des Rezyklats zeigen sich kunststoffverarbeitende Betriebe noch nachlässig bei dessen Verwendung. „Die herstellenden Unternehmen müssen für ihr Produkt und dessen Vorzüge in der Öffentlichkeit werben“, so Intemann. Als Beispiel nennt er den „Blauen Engel“, ein deutsches Gütesiegel, das verarbeitende Betriebe erwerben können, wenn sie nachweislich mindestens 80 Prozent Rezyklat bei der Herstellung ihrer Produkte verwenden. Besserung verspricht auch eine in Vorbereitung befindliche europaweite Richtlinie, die eine wesentliche Erhöhung der momentan innerhalb der EU zur Anwendung kommenden Recyclingquoten für Kunststoffabfälle vorsieht. Im Zusammenspiel mit einem europaweiten Deponieverbot würde das nicht nur einen Schub für kunststoffverwertende Unternehmen bedeuten, sondern auch den Grundstein zu einer europaweiten, nachhaltigen Verwendung und Verwertung von Kunststoffen legen.

Alle Zahlen sind „Plastics – the Facts 2013“ von PlasticsEurope entnommen.