Prof. Dr. Alfred Taudes
Vorstand des Departments für Informationssysteme und Prozessmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien

Welche Fragen und Problemstellungen tauchen dabei auf?


„Während die Technologie zwar rasch voranschreitet, gibt es nicht genügend Know-how im Geschäftsprozess-Management, um die technologischen Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen.

Hier haben wir auch ein Ausbildungsproblem. Vielfach wird rein funktional qualifiziert. Für einen Mitarbeiter im Rechnungswesen zum Beispiel ist es aber auch wichtig  zu wissen, wie die Lagervorgänge organisiert sind, um die entsprechenden Einstellungen im ERP-System auch korrekt vornehmen zu können.

Gerade in einem Hochlohnland wie Österreich sind die besseren Geschäftsprozesse ein wichtiger Wettbewerbsvorteil.“

 

Worin besteht die aktuelle Weiterentwicklung der Systeme?
Welche Rolle spielen hier die Cloud und mobile Devices?

„Zeitgemäße ERP-Software kann sowohl auf eigenen Rechnern als auch als Cloud-Lösung betrieben werden, wobei auch „NSA-sichere“-Angebote existieren. Programmiert wird heute mit objektorientierten Sprachen, sodass die Anpassung an das jeweilige Unternehmen einfacher ist. Auch ist dadurch die Integration von Fremdsoftware (etwa Betriebsdatenerfassung, Marktplätze) leichter möglich. Daten können auch über Mobiltelefon und Tablet erfasst und abgefragt werden. Moderne ERP-Systeme sind auch Wissensmanagement-Systeme, da damit neben Geschäftsinformationen Dokumente, Bilder und ähnliches in strukturierter Form verwaltet werden können.“


Wie finde ich als Unternehmen ein passendes ERP-System für meine Organisation? Welche Aspekte gilt es hier
besonders zu beachten?

„Das eigentliche „Customizing“ (Anpassen, Anm. d. Red.) ist aufgrund der neuen Softwarewerkzeuge heute nicht mehr das Thema. Man sollte aber trotzdem nicht die bisherigen Prozesse Eins zu Eins übernehmen, sondern die ERP-Einführung als Chance für Reorganisation auf Basis von Best Practices nutzen. Das für die Analyse der Geschäftsprozesse notwendige Abstraktionsvermögen und betriebswirtschaftliche Know-how ist weiterhin knapp. Entscheidend ist daher neben der ausgewählten Software die Qualität des Implementierungspartners.
Hier rate ich, bei der Auswahl darauf zu achten, dass der Partner bereits entsprechendes Branchen-Know-how hat. Die Erstellung eines Prototypen aus einem Vorprojekt etwa kann helfen, das Risiko einer Fehlentscheidung zu reduzieren.“

 

Welche Chancen und Risiken birgt die momentane Entwicklung?

„Die neuen ERP-Systeme sind viel leistungsfähiger als die vor 25 Jahren entwickelte erste Generation von Lösungen, die heute allerdings oft noch immer beim Großteil der Unternehmen im Einsatz ist. Durch Cloud Computing können auch KMUs verstärkt ERP-Systeme einsetzen. Allerdings ist derzeit nicht klar, welche Anbieter langfristig überleben werden. Aufgrund der organisatorischen Anpassung ist man längerfristig an ein Produkt gebunden und das Risiko, dass der Anbieter mittlerweile „abhanden kommt“, ist daher zu beachten.“