Kryptowährungen sind wahrscheinlich einer der bekanntesten Anwendungsfälle für die Blockchain-Technologie. Bei der bekanntesten davon, Bitcoin, gab es dieses Jahr einen Kursanstieg um das Zehnfache.

Völkel: Ja – über nur ein Jahr. Wenn man auf 2013 zurückschaut, hat er sich um mehr als das 6000-fache erhöht.

Diese Entwicklung scheint nicht allen zu behagen, immer wieder liest man Warnungen, es handle sich um eine Bubble. Wie sehen Sie das?

Völkel: Wenn ich gefragt werde, ob man in Bitcoin investieren sollte, gebe ich dazu bewusst keinen Rat. Meine persönliche Meinung: Auf Seiten wie coinmarketcap.com kann man den aktuellen Kurs diverser Kryptowährungen verfolgen. Dort sieht man aber auch das Handelsvolumen, das umgesetzt worden ist. Dieses nimmt stetig zu. Im Jänner war das tägliche Volumen im Schnitt bei ca. 100 Mio. US-Dollar pro Tag. Heute liegt es im Schnitt bei etwa vier Milliarden. Diese Daten zeigen, dass sehr viel neues Geld hineinfließen dürfte – es ist also nicht so, dass nur ein hoher Preis, aber kein Umsatz mehr bestünde. Derzeit scheint der Markt folglich dem Preis zu vertrauen.

Kryptowährungen sind im allgemeinen Bewusstsein noch relativ jung. Das Vertrauen ist bei vielen Menschen noch nicht da. Wie viel Berechtigung steckt hinter den Sorgen?

Piska: Ängste nehme ich eigentlich nicht wahr. Eher eine Distanz bei denen, die sich noch nicht damit auseinandergesetzt haben. Viele Menschen verstehen nicht, wie die Technologie dahinter funktioniert, warum sie so revolutionär ist. Einfach gesagt: Wenn einmal etwas in eine Blockchain geschrieben wurde, ist das irreversibel. Eine Transaktion ist also sicher – und es gibt keine zentrale Partei dahinter, sondern es ist ein Peer-to-Peer-Netzwerk. Die Teilnehmer bestimmen selbst, was passiert. Durch ihr Vertrauen beeinflusst die Crowd auch, wie sich die Sache weiterentwickelt. Aus meiner Sicht sind die Ängste vor der Technologie unbegründet.

Wir sind natürlich eher das Zentralbankengeld gewohnt.

Völkel: Natürlich. Viele argumentieren, dass hinter Bitcoin ja gar kein echter Wert stünde. Das ist zwar nicht falsch, trifft aber auf unser Zentralbankengeld genauso zu. Wir vertrauen einfach, dass ein 100 Euro-Schein das wert ist, was draufsteht. Unser Finanzsystem ist seit Abschaffung des Goldstandards ein reines Schuldsystem, das deshalb funktioniert, weil wir darauf vertrauen, dass Schulden zurückgezahlt werden. Das ist bei Kryptowährungen ähnlich – der Preis entsteht durch Angebot und Nachfrage.

Piska: Der Vorteil von Kryptowährungen liegt eher darin, dass Übertragungen nicht gefälscht werden können. Die Community schreibt dem einen Wert zu. In Gebieten, in denen Hyperinflation herrscht, wie z.B. in Venezuela, gelten Kryptowährungen als willkommene Alternative, die den Menschen hilft, die Entwertung der Landeswährung zu umgehen. Kryptowährungen wird ja in Statements immer wieder Volatilität und damit Unsicherheit zugeschrieben. Man sieht, dass das das relativ ist und differenziert betrachtet werden muss. Außerdem dienen Kryptowährungen inzwischen auch als Asset. Natürlich fragt sich jeder, wie der Höhenflug von Bitcoin weitergehen wird. Hellseher sind wir klarerweise alle nicht.

Werden Kryptowährungen aller Art unser bisheriges Zahlungssystem Ihrer Meinung nach ersetzen oder erweitern?

Piska: Ich kann mir gut vorstellen, dass die Blockchain-Technologie unser gesamtes Bankensystem verändern wird. Viele Prozesse brauchten bisher eine zentrale Stelle, was damit überflüssig wird. Nehmen Sie den Wertpapierhandel. Da wurde bisher eine zentrale Stelle benötigt, die bestätigt hat, dass die Transaktion stattgefunden hat. Erst danach wurden Zahlungen freigegeben. Das fällt mit Blockchain weg.

Völkel: Kryptowährungen an sich werden unser System mittelfristig auf jeden Fall ergänzen. Ich glaube, dass es bereits in fünf Jahren möglich sein könnte, am eigenen Bankkonto ganz normal neben dem Euro-Konto ein Kryptowährungskonto zu führen.

Wie beurteilen Sie den derzeitigen Stand in Österreich zu dieser Frage?

Piska: Österreich hat als Standort den Vorteil, dass – im Gegensatz zu Deutschland – Kryptowährungen nicht unter die Aufsicht der FMA fallen. Für den Handel etwa mit Bitcoin ist daher keine Bankkonzession notwendig. Das hat zur Folge, dass die heimische Community als Anziehungspunkt wirkt. Daher haben wir im Vergleich zu Deutschland eine überproportional starke Community.

Welchen Mehrwert hat die Technologie für ein klassisches Unternehmen?

Völkel: Die Anwendungsfelder können für viele Unternehmen interessant sein. Ein Händler, der Kryptowährungen als Zahlungsmethode anbietet, hat den Vorteil, dass Zahlungen seiner KundInnen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Das ist wie beim Bargeld – Charge-back-Fraud wie bei Kreditkarten ist damit unmöglich.

Piska: Neben den Banken hat die Blockchain-Technologie unglaublich vielfältige Einsatzmöglichkeiten in Industrie, Handel und der Dienstleistungsbranche. Zum Beispiel Product Authenticity auf dem boomenden Bio-Sektor. Wenn ich Produkte anbieten möchte, kann ich über Blockchain die Provenienz lückenlos nachverfolgen, was letztlich ein Qualitätsnachweis gegenüber meinen KundInnen ist. Wartungen können auf der Blockchain gespeichert werden, was Betrug unmöglich macht. Der „digitale Stempel“ der Blockchain verhindert, dass nachträglich Daten gefälscht werden. Das könnte z.B. im Flugverkehr interessant werden. Ganz klar: Es gibt weltweit bereits sehr viel Innovation auf dem Blockchain-Sektor, aber es wird weiter boomen. Wir können heute noch gar nicht absehen, was da alles geht.

Für UnternehmerInnen ist auch das Thema ICO (Initial Coin Offerings) spannend.

Piska: Ja. Das ist eine neue Form der Unternehmens- oder Projektfinanzierung. Bei einem ICO erzeugt das Unternehmen eine eigene Krypto-Coin und tauscht diese dann gegen andere Kryptowährungen oder verkauft sie gegen Geld. Wer das vorhat, sollte das Konzept unbedingt rechtlich absichern und mit der FMA vorbesprechen, weil das Kapitalmarktregime einzuhalten und ein Prospekt zu erstellen ist.

Völkel: Der Vorteil für ein Unternehmen liegt darin, dass viele Hürden wegfallen, die am klassischen Kapitalmarkt für KMU einfach zu hoch wären – etwa eine Emissionsbank, Zahlstelle oder Wertpapierdepots. Die Krypto-Coin zu erstellen ist technisch hingegen recht einfach und erreicht einen potenziell deutlich größeren Investorenkreis.

Welche Voraussetzungen muss ein Unternehmen erfüllen, um ein ICO durchzuführen?

Völkel: Grundsätzlich relativ wenige. Es muss technisch gut umgesetzt und rechtlich gut abgesichert sein. Die konkrete Ausgestaltung und den Zweck muss ich mir natürlich auch rechtzeitig überlegen. Es ist deutlich günstiger als eine klassische Kapitalmarkttransaktion, allerdings fallen natürlich Werbekosten an.

Kennen Sie Beispiele, wo KMU die Blockchain-Technologie erfolgreich eingesetzt haben?

Völkel: Als Unternehmen wären etwa das House of Nakamoto oder Coinfinity zu nennen. Diese Unternehmen sind im Handel aktiv und bisher sehr gut gefahren.

Piska: Für ein erfolgreiches ICO wäre das Unternehmen Herosphere zu nennen. Dort wurde für eSport-Wetten eine Coin geschaffen, die gekauft und auf der Plattform eingesetzt werden kann. Das ist ein Beispiel für ein ICO, das für das Unternehmen bis dato sehr gut funktioniert. Wie diese neue Schiene der Unternehmensfinanzierung in Zukunft performt, hängt nur vom Vertrauen der Crowd ab. Das heißt, wenn viele ICOs gut laufen und die Menschen das bemerken, werden sie es honorieren. Die Pioniere der Szene tragen da natürlich auch eine große Verantwortung für die gesamte Idee.