Wie ist es, in einem derart futuristischen Umfeld zu arbeiten, wie wirkt sich die eingesetzte Robotik auf die Prozesse und Produkte aus?

Für mich war es selbst nach all den Jahren bei Amazon ein besonderes Erlebnis, diesen Standort mit dem Team an den Start zu bringen: Das erste Logistikzentrum mit Robotik in Deutschland! Vorher war ich lange Zeit Standortleiter in Bad Hersfeld. Ich habe gesehen, wie sich auch dieser Standort ständig weiterentwickelt hat: mehr Fördertechnik, neue Prozesse und Produkte.

Ein Logistikzentrum mit Robotik wie in Winsen ist aber noch mal eine neue Generation. Sie müssen sich vorstellen: Jedes Produkt in diesem Logistikzentrum wird mobil. Die Ware kommt zu den Kommissionierern, wo früher die Kommissionierer zur Ware gehen mussten.

Die Technologie in Winsen wirkt wie ein Turbo: Wir können Kundenbestellungen schneller bearbeiten, die Produktivität steigern, niedrigere Preise anbieten und die Arbeit im Logistikzentrum erleichtern.

Bei Amazon beginnen wir immer beim Kunden und arbeiten von dort aus rückwärts. Amazon setzt auf Technologie und Automatisierung, weil wir den Erwartungen des Kunden gerecht werden wollen. So einfach ist das.

Verändert das die Arbeitsplatzsituation im Logistikzentrum? Welchen Einfluss hat dies auf die MitarbeiterInnen?

Insgesamt sind wir in Winsen letztes Jahr mit einem jungen Team gestartet, unterstützt von Managern, die bereits Erfahrung bei Amazon hatten. Unsere Anfänge waren wie bei einem Start-up: Es gab keine Büros, wir saßen praktisch direkt in der Halle und haben alles mitbekommen. Dieser Spirit ist einzigartig.

Wir haben für Winsen 1.000 Arbeitsplätze in den ersten 12 Monaten angekündigt, heute arbeiten rund 1.600 Menschen hier. Durch Robotik und Automatisierung können wir den Platz im Logistikzentrum besser nutzen. Wir verbrauchen weniger Fläche und können trotzdem mehr Auswahl bieten und Bestellungen schneller bearbeiten.

Prozesse wie Warenannahme, Einlagerung, Kommissionierung, Sortierung, Verpackung und Verladung haben wir in Winsen wie in jedem anderen Logistikzentrum. Mit den Transportrobotern und der Automatisierung arbeiten hier die MitarbeiterInnen Hand in Hand mit der Technologie.

Im Kern der Prozesse steht das abgegrenzte Feld mit den Regalen und den Transportrobotern. Wir nennen sie Drives. Diese fahren unter das Regal, heben es an und bringen es zum Mitarbeiter, der die Ware einlagert oder kommissioniert. Das sind aktive, ergonomische Arbeitsplätze, aber die Laufwege zwischen den Regalen fallen weg.

Neben der Verbesserung der Tätigkeiten für die VersandmitarbeiterInnen entstehen auch neue Funktionen in einem Logistikzentrum. Wir haben mehr technische Aufgaben, die sich um die Abläufe auf den mehreren Kilometern Fördertechnik kümmern. Und wir haben die SpezialistInnen für die Transportroboter. Sie haben über ein Tablet den Überblick über den Status aller Drives und können sie einzeln ansteuern, zum Beispiel, wenn eine Drive zur Wartung muss.

Mit welcher Reichweite und Tragkraft sind die Roboter ausgestattet, wie funktioniert deren Navigation und Aufladung?

Die Drives sind autonom, sie wiegen 145 Kilogramm und können Regale bis zu einem Gewicht von etwa 340 Kilo heben. Sie fahren mit wenigen Stundenkilometern und sind mit mehreren Sicherheitssystemen ausgestattet. Registrieren sie ein Hindernis auf dem Weg, bleiben sie stehen. Sie kennen ihre aktuelle Position über QR-Codes, die auf dem Boden aufgeklebt sind. Ihre Route zwischen den Regalen und den MitarbeiterInnen berechnet ein Algorithmus, der die Wege optimiert. Schließlich sind viele Roboter gleichzeitig auf dem Feld unterwegs.

Hat sich der Umstieg auf Roboter auch ökonomisch gerechnet oder befindet sich deren Einsatz noch in der Probephase?

Automatisierung erlaubt es uns, weiter in effizientere Gebäude zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Wir investieren weiter, auch in Deutschland. Ab August/September wird unser neuestes Logistikzentrum in Frankenthal an den Start gehen, auch mit Transportrobotern. Amazon hat im weltweiten Netzwerk an über 25 Logistikzentren diese Technologie im Einsatz. Es sind insgesamt über 100.000 Drives. 2012 haben wir damit angefangen, Robotik in der Logistik einzusetzen – weltweit sind seitdem 300.000 neue Jobs entstanden.

Wir brauchen also beides: Die Geschwindigkeit, mit der wir im Logistikzentren Bestellungen der KundInnen bearbeiten, beruht auf Robotik und Automatisierung genauso wie auf dem Engagement der MitarbeiterInnen. Ohne sie und den Willen, die beste Kundenerfahrung zu erschaffen, könnten wir heute nicht so effizient arbeiten.

Wo besteht noch Optimierungsbedarf? Ist der Roboter eher Ersatz oder Erfüllungsgehilfe des Menschen?

Wir sehen, dass Technologie und Menschen in der Logistik Hand in Hand arbeiten. Technologie unterstützt die MitarbeiterInnen. Sie übernimmt monotone oder anstrengende Aufgaben. Dadurch können diese sich auf wichtigere Aufgaben konzentrieren.

Forscht Amazon auch an künstlicher Intelligenz (AI) oder anderen Innovationen zur Logistik?

Künstliche Intelligenz und Machine Learning stecken im Kern vieler Innovationen. Seit Jahren hat sich Amazon in der praktischen Anwendung engagiert. Jeff Bezos selbst spricht von einem goldenen Zeitalter für beide Bereiche: Lange Zeit war es Science Fiction und jetzt passiert es.

Digitalisierung bietet ganz neue Chancen, die Logistik zu steuern.

Die Anwendung künstlicher Intelligenz auf die Bedarfsvorhersage und Lieferkettenoptimierung beeinflusst die Auswahl, die wir KundInnen bieten. Sie steuert, in welchen Logistikzentrum die Ware liegt und wann diese in ein anderes transportiert wird, um von dort an den Kunden zu gehen. Künstliche Intelligenz steckt auch in der Kapazitätsplanung bis hin zu den Schichtplänen der MitarbeiterInnen.

Gibt es Bemühungen, ein vollautomatisiertes Logistikzentrum zu erstellen?

Amazon hat Kiva vor sechs Jahren gekauft und wir lernen immer noch, wie wir diese Roboter optimal einsetzen, und zwar optimal für KundInnen und für MitarbeiterInn. Ein komplett automatisiertes Logistikzentrum ohne Menschen können wir uns nicht vorstellen. MitarbeiterInnen spielen so eine wichtige Rolle, auch in der Zukunft. Ohne motivierte MitarbeiterInnen könnten wir den KundInnen nicht diese Leistungen bieten.

Wird Amazon selbst einen Lieferdienst etablieren? Soll dieser vollautonom sein?

Es gibt hier viele Ansätze, denn die letzte Meile zum Kunden ist wichtig. Da wir bei Amazon immer vom Kunden ausgehen, ist sie für uns die erste Meile. Wir planen vom Kunden aus und gehen rückwärts – aus der Supply Chain wird so eine Demand Chain. Mit Amazon Logistik haben wir in Deutschland und anderen Ländern begonnen, eigene Kapazitäten auf der letzten Meile aufzubauen, ergänzend zu dem, was wir auch in Zukunft von den bestehenden Lieferpartnern bekommen.

Damit ergibt sich die Chance, neue Konzepte auszuprobieren. In Bochum haben sich Partner wie Daimler und Innogy zusammengetan: Daimler macht 100 eVito für Lieferpartner verfügbar, die für Amazon Logistik Pakete ausfahren. Dazu kommen Ladesäulen auf dem Parkplatz und ein neues Konzept für besseres Flottenmanagement.

Wie werden Bestellung und Zustellung bei Amazon in zehn Jahren aussehen?

Wir sind mit den Themen e-Commerce und Automatisierung im Logistikzentrum erst am Anfang, bei der letzten Meile treten viele innovative Konzepte gegeneinander an. Ich freue mich auf die Zukunft, aber ich kann sie nicht vorhersehen. Nur eines ist sicher: KundInnen werden auch immer noch große Auswahl, niedrige Preise und bequeme Lieferung wollen.

Was bewirkt die Digitalisierung in der Logistikbranche? Wie sieht die Logistik der Zukunft aus? Wie sollten andere Logistikunternehmen darauf reagieren?

Die Digitalisierung bietet ganz neue Chancen, die Logistik zu steuern. Neue Prozesse werden möglich. Die Logistik ist hier erst ganz am Anfang und kann viel von anderen Branchen lernen. Dazu werden aber MitarbeiterInnen benötigt, die den Wandel als Chance sehen. Das Unbekannte macht jedem Menschen erst mal Angst. Wenn wir nicht verstehen oder nicht vorhersagen können, wie Innovation und Technologie unser Leben beeinflussen, machen wir uns Sorgen. Aber das müssen wir nicht.