Sie sind nun schon seit einiger Zeit in der Start-up-Szene involviert. Was fasziniert Sie besonders?

Die Dynamik, der Enthusiasmus der Gründer. Manchmal ist auch eine gewisse Art der kindlichen Naivität dabei, die es nun einmal braucht, um neue Dinge auszuprobieren. Da werden nicht Probleme, sondern Chancen gesehen. Das finde ich sehr erfrischend.

Mit Naivität verbindet man auch die Gefahr des Scheiterns. Oft heißt es aber, niemand wird auf Anhieb erfolgreicher Unternehmer, sondern muss erst durch Misserfolg lernen. Wie sehen Sie das?

Es kann durchaus auch beim ersten Mal gutgehen. Allerdings ist klar, dass es im internationalen Schnitt eine große Mehrheit der Start-ups nicht schafft. Speedinvest ist aber mehr als ein reiner Finanzinvestor. Wir stellen nicht nur Risikokapital zur Verfügung, sondern auch unsere Arbeitsleistung– mit Workshops gleich am Anfang, mit Begleitung während des gesamten Prozesses, mit unserer Erfahrung. Dazu gehört auch, gescheiterten Gründern wieder eine Chance zu geben.

Wie ist da Ihre persönliche Herangehensweise?

Ich versuche das volle Vertrauen der Gründer zu gewinnen, mich als Teil des Teams zu sehen. Die Mitarbeit kann dann auch so aussehen, dass ich beispielsweise zwei Tage in der Woche als Interimsmanagerin da stehe. Oft sind es auch regelmäßige Jour Fixes, wo wir einander updaten und Ratschläge geben. Als Bereiche sind hier Business Development und Organisationsentwicklung oder etwa Talent Recruiting zu nennen.

Sie sind eine erfahrene Managerin. Was bringen Sie in ein solches Start-up ein?

Neben Empfehlungen aus Erfahrungen auch mein Netzwerk – ein 24-jähriger Gründer hat oft Schwierigkeiten, da und dort Termine zu bekommen, weil er noch nicht das nötige Standing hat. Da können natürlich wir viele Türen öffnen, auch aufgrund unserer individuellen Backgrounds, was bei mir etwa die Telekommunikationsbranche wäre. Das kann eine sehr wertvolle Unterstützung im Vertrieb sein, die einem Jungunternehmer sehr hilft. Oft setzen wir da ganz konkrete Ziele, etwa indem wir sagen, wir bringen zehn Kunden für dein Produkt.

Das ist natürlich schon sehr umfangreich. Gibt es noch weitere Bereiche, in denen Sie die Rolle eines aktiven Investors für besonders wichtig halten?

Für uns ist internationaler Roll-Out ein ganz großes Thema. Wir haben mittlerweile drei Partner im Silicon Valley sitzen – aber nicht, um in Amerika zu investieren, da fließt kein Cent. Für uns geht es darum, österreichischen Gründern den Weg in den US-Markt zu erleichtern. Zu guter Letzt möchte ich auch den finanziellen Part nicht unerwähnt lassen – Fundraising ist für ein junges Unternehmen sehr wichtig, und genau da unterstützen wir auch nach Kräften.

Wie kommen Sie an die unterschiedlichen Projekte? Betreiben Sie aktiv Akquise?

Bis jetzt arbeiten wir vorwiegend reaktiv. Wir erhalten rund 30 Bewerbungen von Gründern oder Gründungswilligen pro Woche. Die müssen natürlich erst einmal genau geprüft und evaluiert werden. Außerdem verfügen wir über ein großes Netzwerk, wo automatisch Projekte an uns herangetragen werden. Das Hunting bauen wir aber gerade auf, in Form von speziellen Clustern, wo wir auch sehr genaue Screenings machen werden und dann Start-ups gezielt ansprechen.

Wer kann denn eigentlich zu Ihnen kommen? Gibt es Branchen, für die Sie sich besonders interessieren?

Wir investieren ausschließlich in digitale Unternehmen und haben darin noch einmal die Einschränkung auf Financial Technologies, wobei da mittlerweile auch Insurance dazugehört, was gerade stark im Kommen ist. Der zweite Bereich ist Deeptec, also alles, was wirklich disruptive, neuartige Innovationen sind. Etwa eine Technologie wie Indoor-Navigation, wo zuerst einmal sehr viel Basisforschung nötig ist und am Anfang noch nicht einmal klar ist, wie das später einmal Geld verdienen soll.

Nach welchen Kriterien treffen Sie eine Investmententscheidung?

Wir investieren in der Seedphase, also dann, wenn es einen Prototypen oder eine Betaversion gibt, aber der große Markteintritt noch nicht erfolgt ist. Zu diesem Zeitpunkt gibt es oft noch keine Zahlen, keine Umsätze, keine Kunden. Wir können also nur beurteilen, wie gut das Team funktioniert. Das ist für uns auch das oberste Kriterium. Wie ticken die miteinander? Wie ist die Stimmung? Ist eine Breite an Qualifikationen und Fähigkeiten gegeben?

Das Team steht über allem, wir vermeiden Single-Founder. Aber natürlich schauen wir uns auch das Produkt und den Markt an. Wichtig ist für uns, dass eine echte Innovation da ist sowie die Skalierungsmöglichkeit – wie gut kann ich die Idee auf andere Märkte ausrollen?

Sie haben die personelle Breite angesprochen. Wie wichtig sind Themen wie Frauenbeteiligung oder Diversity für Sie?

Ich glaube, einen Frauenanteil darf man nicht erzwingen, weil wir uns dadurch quasi bessere Männer anzüchten würden. Es will ja auch, gerade in so dynamischen Feldern, niemand eine Quotenfrau sein, sondern aufgrund der Qualifikation gewollt werden. Allerdings hat unsere Gesellschaft noch einen Aufholbedarf, dass Frauen hier als gleichwertig angesehen werden. Männer in Führungspositionen sind bei uns selbstverständlich. Leider sind auch in der Start-up-Welt viel zu wenige Frauen unterwegs, obwohl wir sensationelle Gründerinnen mit wirklich guten Erfolgsquoten haben. 

Was braucht es denn, um als Entrepreneur erfolgreich zu sein?

Jedenfalls eine gewisse Risikofreudigkeit, eine Winnermentalität, Selbstvertrauen. Das kann man ein Stück weit lernen, aber wer zu ängstlich ist, der ist im Unternehmertum falsch. Think big, ich erobere die Welt – das muss die Grundhaltung sein. Wir versuchen, unsere Start-ups von Anfang an international auszurichten und nicht die kleinen Landesgrenzen als geistige Beschränkung anzunehmen. Wichtig ist auch, dass man die Technik hinter seinem Produkt versteht. Die sollte wirklich homemade sein.