Was war ausschlaggebend für den Aufbau Ihrer Dolmetscherplattform?

Ich habe Entwicklungszusammenarbeit studiert und den klaren Entschluss gefasst, in meinem beruflichen Leben gesellschaftlich wirksam zu sein. Nach vielen Jahren in der Wissenschaft bin ich immer weiter von dieser Wirksamkeit weggekommen. Gleichzeitig hat meine Frau, die als soziale Beraterin arbeitet, gesehen, dass sie keine geeigneten Dolmetscher für ihre Klienten finden konnte.

Das hat die Qualität ihrer Beratungsleistung natürlich stark eingeschränkt. Somit war die Idee zu interprAID geboren! Wir haben eine Online-Plattform erstellt, bei der man über die Sprachkompetenz hinaus und dem Klienten entsprechend Dolmetscher für soziale Einrichtungen auswählen kann. Nicht die Sprachkombination allein ist ausschlaggebend, sondern auch Geschlecht, Religion, Nationalität sowie kultureller oder ethnischer Hintergrund.

Über unsere Plattform können soziale Einrichtungen für ihre KlientInnen Dolmetscher per Video-Call bereitstellen, denn es gibt ja schließlich nicht an jedem Ort die passenden Dolmetscher.

Warum ist interkulturelle Kommunikation in diesem Zusammenhang so wichtig?

Weil es im sozialen Bereich immer um ein Vertrauensverhältnis geht! Es reicht nicht immer nur, Worte zu übersetzen. Die Dolmetsch-Sparte, auf die wir uns fokussieren nennt sich Community Interpreting (dt. Kommunaldolmetschen). Der Dolmetscher muss noch andere Kompetenzen mitbringen als jene eines rein kommerziellen Dolmetschers. Es geht nicht nur um die Sprache, sondern auch um das Überwinden von kulturellen Barrieren und das Herstellen eines Vertrauensverhältnisses!

Ein Community-Interpreter muss soziale und interkulturelle Kompetenz sowie Empathie mitbringen und sich gut emotional und psychologisch abgrenzen können, weil es oftmals um sehr schwierige Themen geht. Übersetzungshäuser und Dolmetsch-Agenturen gibt es viele, aber eben keine für Community-Interpreting. Mit der technologischen Infrastruktur bieten wir mit interprAID genau das erstmals an.

Welchen Vorteil hat Ihr Konzept für soziale Einrichtungen?

Erstens brauche ich in sozialen Einrichtungen viel mehr Sprachen als im kommerziellen Dolmetschen. Hochausgebildete Dolmetscher für etwa Somali, Pashtu oder Dari gibt es nur ganz vereinzelt, etwa in London, Berlin oder Wien. Deswegen braucht es eine Plattform, die sich überregional um die Bereitstellung relevanter Dolmetscher kümmert. interprAID bietet über 40 Sprachen an und der Dolmetscher-Pool wird kontinuierlich erweitert.

Zweitens werden Kosten gespart, da ich die Dolmetscher nicht anreisen lassen muss, sondern über Video-Call bereitstellen kann und mir dadurch natürlich auch Zeit erspare. Es bedarf keiner Software Installation, sondern es lassen sich Dolmetscherauswahl, Buchung und Rechnung sowie der Video-Call ganz leicht und mit ein paar Klicks über die Website durchführen.

Drittens ist es ein No-Go, Freunde oder Bekannte in Beratungsgesprächen übersetzen zu lassen, weil es dadurch zu Interessenskonflikten kommen kann. Durch neutrale und ausgebildete Dolmetscher kann ich über unsere Plattform die Service-Qualität der Beratung absolut erhöhen!

Wie garantieren Sie für die Qualität des Dolmetschens?

Ein abgeschlossenes Translationsstudium wollen und können wir nicht als Einstiegskriterium anlegen, weil wir dadurch 90 Prozent aller Sprachen ausschließen würden. Außerdem heißt eine Formalzertifizierung nicht unbedingt, dass ein Dolmetscher auch gut im sozialen Bereich einsetzbar ist. Unsere Qualitätssicherung kommt zum einen über einen verpflichtenden Code of Conduct und zum anderen über unsere User-Community.

Nach jedem Einsatz können die Behörden, Beratungsstellen oder NGO’s die Dolmetschleistung bewerten. Die Auftraggeber sehen somit nicht nur das Qualifizierungsniveau, sondern auch die Kundenbewertung.

Haben Sie Tipps für andere Gründer von Social Enterprises?

Neugründern würde ich raten, schneller mit einem minimalen Produkt auf den Markt zu gehen. Und: Ich würde mir vorab die Förderlandschaft genauestens ansehen! Die Prämisse, ein Social Enterprise zu starten, war eine unglaublich starke Triebfeder für mich. Wenn man so motiviert ist, dann gibt das einem viel Kraft, um durch das Tal der Tränen zu gehen. Denn eine Geschäftsgründung ist natürlich ein emotionaler Rollercoaster!

Ich habe sehr viel Energie und Leidenschaft in die Idee gesteckt. Die soziale Wirkung, die wir erzielen wollen, war aber klar: KlientInnen von sozialen Einrichtungen sollen mit interprAID Equal-Access zu sozialen Leistungen erhalten. Gleichzeitig können soziale Einrichtungen mit vernünftiger Qualität und gespartem Kostenaufwand ihr Angebot darbringen.

Außerdem hat interprAID einen Mehrwert für die Menschen, die als Community-Interpreter arbeiten und sich so mit ihren sprachlichen und kulturellen Kompetenzen sinnstiftend in die Gesellschaft einbringen können!