SYLVIA M. SEDLNITZKY
Vorstand Kulinarisches Erbe Österreich

Die deutliche Verbilligung von Lebensmitteln hat zu einem Massengeschmack geführt, der nur noch wenig individualisiert ist. Inzwischen spricht man von Nahrungsmittelindustrie und die Produkte, die heute im Lebensmittelhandel und in den Discountern angeboten werden, besitzen überwiegend einen standardisierten Geschmack.

 

Kaum noch Geschmacksempfinden

Heute können drei Viertel der Vorschulkinder in Österreich die Grundgeschmacksrichtungen Süß, Sauer, Bitter und Salzig nicht mehr voneinander unterscheiden. Dabei gibt es rund 10.000 Geschmacksknospen in unserem Mund und auf der Zunge. Genussempfinden wird nicht vererbt, sondern ist eine Sache des Trainings und kann durchaus kulturell entwickelt werden. Das Kuratorium Kulinarisches Erbe Österreich hat der Internationalisierung und Standardisierung des Essens den Kampf angesagt.

„Essen ist ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur. Wir setzen uns dafür ein, dass diese nicht verloren geht und wollen die Wurzeln österreichischer Ess- und Trinkkultur, Rezepturen und typische heimische landwirtschaftliche Produkte vor dem Verschwinden und Aussterben bewahren“, erläutert Sylvia Sedlnitzky, vom Vorstand des Kuratoriums Kulinarisches Erbe Österreich. 

Dabei will das Kuratorium weg von den klassischen Österreich-Klischees: „Österreichische Küche ist mehr als das Wiener Schnitzel und die bekannten Mehlspeisen“, darauf legt Sylvia Sedlnitzky besonderen Wert.  Es geht um den Erhalt der regionalen Vielfalt unseres Landes. Natürlich weiß auch sie, dass die klassische Österreichische Küche eine Mixtur verschiedener Einflüsse ist. Die Gerichte zwischen Feldkirch im Westen und dem Neusiedler See im Osten, wurden stark durch die vielen Völker der Österreich-Ungarischen Monarchie, aber auch durch italienische und vor allem böhmische „Zutaten“ geprägt.

 

Einflüsse verschiedener Bundesländer

Die originalen österreichischen Speisen sind nicht nur auf die Hauptstadt Wien fokussiert, wenn auch die kaiserlich-königliche Hofküche mit dem Wiener Schnitzel oder dem Backhendl einen großen Anteil an der weltweiten Beliebtheit der alpenländischen Küche hat. 

 

Integration in den Alltag

Um dieses österreichische kulturelle kulinarische Erbe aufrecht zu erhalten will man deren Inhalte in das tägliche Angebot von Gastronomie, Lebensmittelhandel, Gewerbe oder bei gesellschaftlichen Anlässen integrieren. 

Das Kuratorium führt seit einigen Jahren deshalb jeweils zum Muttertagswochenende das Genussfestival im Wiener Stadtpark durch, zu dem im vergangenen Frühjahr rund 120.000 Besucher strömten. Hier will man die Vielfalt der traditionellen österreichischen Spezialitäten ebenso promoten, wie ihre zeitgemäße Weiterentwicklung. Das Festival richtet sich nicht nur an den klassischen Gourmet, sondern an Jedermann, was die stetig steigenden Besucherzahlen belegen.

Dem Kuratorium geht es nicht allein um österreichische Spezialitäten und Rezepturen, sondern um die ganzheitliche Pflege und Aufrechterhaltung kulinarischer Traditionen. So zählen auch „Fastfood-Varianten“ wie Speck, Käse, Verhackertes, Grammelschmalz, Bratlfett, Käsekrainer oder Liptauer, zu den schützenswerten Gütern. 

 

Direktvermarkter

Vor allem Direktvermarkter haben damit eine Chance ihre Produkte, über ihren heimischen Markt hinaus, einem breiteren Publikum vorzustellen. „Wenn auch“, so gibt Sylvia Sedlnitzky zu bedenken, „diese Produkte meist nicht den Weg in den breiteren Lebensmitteleinzelhandel finden. Dabei machen diese regional unterschiedlichen, teilweise noch wirklich bäuerlichen Produkte und Regionalgerichte den Reiz und die Vielfalt der österreichischen Küche aus.“