Was macht den besonderen Reiz von Made in Italy aus und damit aus einem alltäglich anmutenden Produkt eine Stilikone oder ein Lebensmittel zum begehrten Genussartikel?

Um diesem Phänomen auf die Schliche zu kommen, schleiche ich mich gedankenverloren in meine Kindheit. In Villach aufgewachsen waren es weniger als 40 km nach Tarvisio. Und das zu einer Zeit (Mitte der 1970er), als es bei uns für Kinder im Sommer Stoff- oder bestenfalls Lederhosen, im Winter zur Abwechslung Röhren in Schürlsamt gab.

Beim Mercato knapp hinter der Grenze gab es hingegen schon längst die noch als gesellschaftsunfähig geltenden Jeans und erste Pullover-Kollektionen von Benetton. Leute, die waren bunt! Sogar in hellen Farbtönen!

Während wir also neu eingekleidet wurden, verbrachte mein Vater wertvolle Shoppingzeit im Feinkostladen in der oberen Stadt, seiner Leidenschaft für feine Kost aus dem Süden frönend. Man muss wissen, in ihm pulsieren zu 50 Prozent italienisches Blut, das bei Mortadella, Mozzarella, Prosciutto, frisch duftendem Pane und so mancher Bottiglia Rebensaft schon in Wallung kommen kann.

Einziges Problem, der Grenzbalken. Tja, den galt es meine ganze Kindheit lang, mit den Eltern sowie bei den ersten eigenen Einkaufstouren mit der Vespa in den 80er-Jahren unverzollt zu überwinden. Da bereits verjährt, gebe ich meine Schmugglertätigkeit offen zu. Die Feinkost verschwand in und unter Sitzen, Wandverkleidungen oder körpernah unter den neu gekauften T-Shirts und Pullovern. Wir Kinder stellten uns, auf der neuen Wäsche der Mutter liegend, schlafend. Vater setzte sich den sonst nie getragenen Hut auf – was müssen sich die Zöllner nur gedacht haben.

Mit dem Beitritt zur EU ging zwar das Abenteuerelement verloren, nicht jedoch die Liebe zu Made in Italy, die für mich weit über Produktwelten hinausgeht. Man denke nur an die Filme Fellinis, die der ORF spät abends ausstrahlte. Vom harmlosen Dolce Vita (der schaffte es auch ins Hauptabendprogramm) bis hin zur Stadt der Frauen. Dekadenz, Lebensfreude und überbordende Bilderwelten forderten das brave Bürgertum heraus.

Herausforderndes gab es vor allem von der Straße zu berichten. Es galt, die Imperfektion (ich sage nur zeitgerechtes Anbremsen einer sich rasch nähernden Kreuzung samt Ampel) zur Perfektion zu beherrschen. Aber stets mit Stil – und so manchem nicht erlaubten Vergaser- und Auspuffsatz.

Nicht zu vergessen, die erste Aranciata oder ein cremiges Gelato als Belohnung für die überstandene Anreise zum Strandurlaub an der oberen Adria. Mutter wurde plötzlich lächelnd nachgepfiffen, Papa wusste dies stolz als Anerkennung seiner wichtigsten Wahl im Leben zu deuten und wir Kinder bekamen ultracooles Spielzeug.  Zum Abendessen die heiß geliebten Spaghetti Bolognese (Scusate „al ragù) und Pizza.

All das war und ist für mich Made in Italy, ein in alles und allem verpacktes Lebensgefühl, das selbst ein Alpenvolk wie uns zu Gente di mare macht.

Grazie Italia!