Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Logistikbranche allgemein?

Die Digitalisierung ist das Rückgrat der Logistik, notwendig für die effektive Steuerung von Materialflüssen. Durch die Erfassung von Informationen und die Vernetzung von Produzenten, Kunden, Lieferanten und Dienstleistern wird die bedarfsorientierte und rasche  Bereitstellung von Gütern ermöglicht. Mobile Geräte und Applikationen fördern das Entstehen flexibler, anpassungsfähiger Organisationen und Prozesse.

In welchen Bereichen sind digitale Anwendungen bereits jetzt besonders wichtig, in welche werden sie es künftig sein?

Die wesentlichen Bereiche sind mobile Formen der Kommunikation und Interaktion, die Bereitstellung von Ressourcen und Funktionen über Cloud Computing sowie die Verfahren von Data Analytics. Die Digitalisierung produziert große Datenmengen. Diese entsprechend aufzubereiten, zu interpretieren und als Entscheidungsgrundlage zu nutzen, wird die große Herausforderung der nächsten Jahre sein. In Zukunft geht es um die Entwicklung von Verfahren und Algorithmen, die Daten filtern, Muster erkennen und Schlussfolgerungen ziehen können. Wesentlich muss die Qualität von Prognosen verbessert werden. Die Komplexität von Netzwerken und die Volatilität der Märkte machen dies schwierig.

Oft gibt es die Sorge, dass Digitalisierung Arbeitsplätze kostet. Wie sehen Sie diese Problematik in Ihrem Bereich?

Hochentwickelte Industrieländer als Anbieter und als Treiber der Technologieentwicklung sollten hier eine Chance sehen. Digitalisierung kann dazu beitragen, Österreich und Europa wettbewerbsfähiger und als Arbeitsmarkt attraktiver zu machen. In der Logistik sind Menschen gefragt, die eine gute Ausbildung in IT und technischen Bereichen haben. Natürlich wird Digitalisierung das Arbeitsplatzangebot in Bereichen einfacher manueller Tätigkeiten reduzieren, die Logistik verlangt zunehmend anspruchsvollere Fertigkeiten und Kompetenzen. Hier gibt es zukünftig entsprechend gute Berufschancen. Nach meiner Einschätzung kann das Wachstum im Bereich qualifizierter Tätigkeiten die Einbußen in traditionellen logistischen Berufsprofilen kompensieren.

Wie verändert die Digitalisierung das Arbeitsumfeld für Mitarbeiter der Logistik?

Der ungelernte Lagerarbeiter hat es in Zukunft schwer, aber wir sehen große Nachfrage nach speziellen Qualifikationen. Das Arbeitsumfeld hat sich verändert, so ist etwa die Lagerlogistik durch anspruchsvolle technische Anlagen geprägt, die Kenntnis der Systeme und Prozesse erfordern. Der „neue“ Logistiker trifft Entscheidungen und gestaltet. Er trägt die Verantwortung für unternehmenskritische und teure Einrichtungen. Letztlich gilt es, dies einer breiteren Gruppe von Menschen bekannt zu machen und den Logistikberufen den Nimbus von körperlich anstrengender, aber anspruchsloser Routine und schmutziger Arbeitsumgebung zu nehmen. Logistik sollte insbesondere für Frauen attraktiver werden.

Wie kann sich ein Arbeitnehmer vorbereiten, um fit zu werden bzw. zu bleiben? Welche Schritte können Unternehmen im Bereich Aus- und Weiterbildung setzen?

Wer in der Logistik arbeitet, sollte sich laufend weiterentwickeln. Im traditionellen Bild ist das noch wenig verankert, Berufsprofile ändern sich in der Wahrnehmung nur sehr langsam. Unternehmen müssen, wie es in anderen Bereichen geschieht, Anforderungen feststellen und interne wie externe Weiterbildung ermöglichen. Allerdings müssen auch Bildungssysteme, von der beruflichen Lehre bis zur universitären Ausbildung, den neuen Anforderungen gerecht werden. Das Angebot ist zu gering und zu wenig auf den Bedarf digitaler Logistik ausgerichtet.

Die Logistik leidet an mangelnder Profilierung. Die Berufsbilder sind vielfältig und oft unklar definiert. Der Logistiker kann Staplerfahrer sein, Lagerarbeiter, Disponent, Planer, Einkäufer oder Techniker. Ein gemeinsames Verständnis der Berufsprofile fehlt. Es gibt Ansätze dazu, etwa das Kompetenzmodell der European Logistics Association (ELA), das erforderliche Qualifikationen für Logistikpraktiker vom operativen Logistiker bis zum strategischen Logistikmanager definiert. Dieses Modell in Aus- und Weiterbildungsprogrammen umzusetzen und Absolventen zu zertifizieren, könnte Transparenz und Attraktivität des Arbeitsmarktes Logistik deutlich steigern.