Prof. Dr. Michael ten Hompel
Inhaber des FLW Lehrstuhls an der TU Dortmund , geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer IML und Mitglied der Logistik Hall of Fame

Aber welche Auswirkungen haben die neuen technischen Möglichkeiten auf den Menschen. Lesen Sie jetzt hier mehr in unserer Onlineausgabe. Die vierte industrielle Revolution setzt voraus, dass die Menschen sich auf die neuen Möglichkeiten von Industrie 4.0 einlassen, sich mit cyberphysischen Systemen unterhalten und mit ihnen interagieren können. Wir bewegen uns in eine Richtung die man als „Social Network“ oder „soziales Miteinander“ von Menschen und Maschinen bezeichnen könnte. Wir sprechen von der Selbststeuerung der Maschinen; es ist ebenso wichtig von der Selbstbestimmtheit der Menschen zu sprechen. Wir halten alle Technologie in Händen um ein „Social Manufacturing und Logistics“ zu realisieren.

 

Herr Professor ten Hompel und Herr Professor Henke: Hat die Logistik in der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit, die sie verdient?
 

Prof. ten Hompel: Lassen Sie es mich so sagen: Früher wurden wir als Logistiker gefragt „Wo haben Sie denn Ihren LKW geparkt?“ Heute ist das niederländische Königspaar bei uns im Institut zu Besuch, um sich über das Internet der Dinge zu informieren. Fakt ist jedoch, die Öffentlichkeit hat immer noch ein antiquiertes Bild der Logistik, obwohl sie die drittgrößte Branche Deutschlands ist und obwohl sie über 2,8 Millionen Menschen Arbeit gibt.
Logistik ist heute weit mehr als Transport. Wir gestalten effiziente Netzwerke für Waren, Güter und Informationen, ohne die die Welt zum Stillstand käme. In der öffentlichen Wahrnehmung sind wir von dieser Sicht allerdings noch ein ganzes Stück entfernt.

Prof. Henke: Logistik ist eine interdisziplinäre Aufgabe und verbindet Betriebswirtschaft, Technik und IT. Die Logistik ist damit ein Treiber für aktuelle Entwicklungen wie cyberphysische Systeme (CPS) in der 4. Industriellen Revolution. Wissenschaftlich bietet die Logistik den Rahmen, erfolgreiche Modelle wie den Wirtschaftsingenieur, der in der Lehre erfolgreich etabliert ist, in der interdisziplinären Forschung weiterzuentwickeln. Im Jahr 2012 absolvierten aber nur 1.300 von etwa 11.600 Studenten mit logistischem Bezug ein dediziertes Logistikstudium. Die Logistik hat als Wissenschaftsdisziplin in Forschung und Lehre noch ein großes Wachstumspotenzial innewohnen.

Prof. Dr. Michael Henke
Institutsleiter am Fraunhofer IML; Leiter des Lehrstuhls für Unternehmenslogistik der Fakultät Maschinenbau der TU Dortmund

Herr Professor ten Hompel: Der Begriff Industrie 4.0 ist in aller Munde. Erklären Sie uns bitte, was diese Art des Wirtschaftens von tradierten Wertschöpfungs- und Logistikketten unterscheidet?
 

Prof. ten Hompel: Industrie 4.0 ist mit der Einführung cyberphysischer Systeme verbunden. Das sind für die Logistik zum Beispiel intelligente Behälter, Container und Fahrzeuge, die sich untereinander und mit dem Internet vernetzen und über Sensoren verfügen, mit denen sie ihre Umgebung wahrnehmen. Es entsteht ein Internet der Dinge, das sich ein Stück weit selber steuert und organisiert. Ihre Verbindung und Vernetzung erfolgt über das Internet der Daten.
Wir folgen der Erkenntnis, dass wir in Zeiten von „Same-Day Delivery“ im Handel und „Losgröße Eins“ in der Produktion nicht mehr mit den starren und zentralistischen Informationssystemen des letzten Jahrhunderts arbeiten können. Wir haben einfach keine Zeit mehr, unsere Systeme täglich an neue Herausforderungen anzupassen. Das müssen die cyberphysischen Systeme im Zusammenspiel mit dem Internet der Dinge, Daten und Dienste in Zukunft zu einem Teil selbst übernehmen. In Folge der 4. industriellen Revolution wird es damit auch zu einem grundlegenden Wandel des Managements kommen.

Herr Professor Henke: Neben dem Begriff des Smart Grid, der sich im Energiebereich durchgesetzt hat, gibt es nun auch den Begriff der Smart Logistic. Was verstehen Sie im Einzelnen darunter?
 

Prof. Henke: Logistik bedeutet Technologie und Management. CPS ermöglichen dabei neue integrierte Betrachtungsweisen. Smart Logistics verbindet die Smart Production (mit der Smart Factory in ihrem Mittelpunkt) mit den anderen Elementen einer integrierten Supply Chain und der Smart Maintenance als Enabler. Smart Logistic sorgt für durchgängiges Informations- und Materialmanagement und stellt proaktiv zur richtigen Zeit die richtigen Materialien und Informationen mit den richtigen Diensten bereit. In Zukunft werden dabei auch die Finanzströme Berücksichtigung finden – wir sagen dazu Financial Supply Chain Management.

Professor Henke: Logistik- und Logistikketten bestehen meistens aus drei Planungsebenen: der langfristig-strategischen, mittelfristig-taktischen und kurzfristig-operativen Planung. Wie können diese optimal ineinander greifen?

Prof. Henke: Logistikplanungsaufgaben sollten durch IT-Services unterstützt werden. In der Logistik wird häufig modellbasiert geplant. Diese Modelle sollten durchgängig über die Planungshorizonte genutzt und durch logistische Assistenzsysteme verfügbar gemacht werden. Entscheidend ist die Datenintegration über die gesamte Supply Chain, sodass ein „Single Point of Truth“ Grundlage aller Planungen ist.

Herr Professor ten Hompel: Automatisierung ist ein Schlagwort bei der Einführung der Wertschöpfungsketten der Zukunft. Es gibt Kritiker, die befürchten, dass der Mensch überflüssig wird und kaum noch Einfluss auf die Abläufe hat. Was entgegnen Sie diesen Kritikern?
 

Prof. ten Hompel: Das Ende der Arbeit durch Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung wird seit der ersten industriellen Revolution vorhergesagt. In der Tat kam es mit jeder Revolution zu einer Neugestaltung der Arbeitsmittel und zu einem sprunghaften Anstieg der Produktivität. So hat auch die Automatisierung viele Berufe verschwinden lassen - und gleichzeitig zahlreiche neue Berufsbilder und -inhalte geschaffen.

 

Bislang, Herr Professor Henke, glauben viele Unternehmen, wir sprechen lediglich über Theorien. Gibt es best practise Beispiele, an denen man veranschaulichen kann, wie die Supply Chain 4.0 funktioniert?
 

Prof. Henke: Ich glaube, dass es noch keine Best Practice Beispiele in der Industrie 4.0 geben kann – wir stehen ja gerade erst am Beginn einer Revolution oder vielleicht eher einer sehr schnellen Evolution. Logistische Assistenzsysteme sind aber ein Beispiel für next practises in der Supply Chain 4.0. Die Informationen aus Autoidentifikationstechnologien in der Supply Chain werden echtzeitnah integriert und verarbeitet und für die Steuerung der Supply Chain nutzbar gemacht. Letztendlich ermöglicht die Supply Chain 4.0 durch Informationstransparenz und dezentrale Entscheidungen vor allem den Gewinn von Zeit und ermöglicht es so, den Handlungsspielraum bspw. für die Bestandsreduzierung zu erweitern.

 

Herr Professor ten Hompel: Das Internet spielt im Bereich der Industrie 4.0 eine entscheidende Bedeutung, Schlagwort „Internet des Dinge“. Können sich aus der Einführung dieser Technologie in Logistik- und auch Wertschöpfungsketten neue Geschäftsfelder und Geschäftsideen bilden?
 

Prof. ten Hompel: Selbstverständlich. Es werden zum Beispiel „hybride“ Dienstleistungen entstehen, die Informationstechnologie und physische Leistung miteinander verbinden. Die Logistics Mall, an deren Entwicklung das Fraunhofer IML beteiligt war, zeigt uns, wie so etwas aussehen kann: Logistische Dienstleistung wie der Transport oder die Lagerung gepaart mit der IT-Dienstleistung und beides zusammen bezogen aus der Cloud, ohne, dass irgendetwas installiert werden muss. Man könnte vereinfacht sagen, in Zukunft gilt: keine Apps, kein Geschäft. Prof. Henke: Für das breite Feld CPS stehen wir aber in der Entwicklung von Geschäftsmodellen noch am Anfang. Das gilt nicht nur für die Logistik und die IT, sondern auch für die Anlagenbauer, produzierende Unternehmen und sogar die Finanzbranche. Financial Supply Chain Management wird ein Treiber für neue Geschäftsmodelle sein.

 

Herr Professor Henke: Wirtschaft und Produktionsprozesse werden immer stärker individualisiert. Wie geht ein Logistiker wie Sie mit Losgrößen wie „1“um?
 

Prof. Henke: Der steigenden Komplexität begegnet die Logistik mit angepassten Konzepten. In der Automobilindustrie mit ihrer Vielfalt an Derivaten muss bereits heute überwiegend mit der Losgröße „1“ umgegangen werden. Entscheidend ist die richtige Positionierung des Auftragsentkopplungspunktes im Produktionsprozess bzw. der Supply Chain. Es gilt Effizienz, Effektivität und Agilität richtig zu kombinieren. Hierzu ist eine ganzheitliche Bewertung der Supply Chain in der Planung erforderlich.

 

Herr Professor ten Hompel wie lässt sich denn vor dem Hintergrund der Individualisierung von Bestellung, wir sprachen gerade von Losgröße eins, überhaupt ein Lean Warehousing, angelehnt an das Lean-Management – realisieren?
 

Prof. ten Hompel: Entscheidend ist die möglichst exakte Vorschau auf die Bedarfe. Da die Variantenanzahl über die Zeit immer mehr zugenommen hat, sind wir häufig mit geringen und zudem schwer zu prognostizierenden Stückzahlen und Märkten konfrontiert. Die Folge ist, dass wandlungsfähige Lösungen geschaffen werden müssen. Da können uns cyberphysische Systeme helfen. Stellen Sie sich eine Kommissionierzone vor, die ohne fest installierte Technik auskommt und in der die Waren durch einen Schwarm fahrerloser Shuttles autonom bewegt werden. Eine solche Technik kann leicht skaliert oder sogar an einen anderen Ort verlagert werden. Gerade bei solchen Lösungen wird der Mensch auch in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen, aber seine Tätigkeit wird mehr die eines Dirigenten sein, der sich nicht mehr nur dem Takt der Maschinen unterwirft, wie es insbesondere bei den ersten beiden industriellen Revolutionen der Fall war.

 

Herr Professor ten Hompel, Herr Prof. Henke, wie wird beispielsweise im Automobilbereich die Fabrik der Zukunft, sagen wir, 2020, aussehen?
 

Prof. ten Hompel: Die Automobilindustrie sieht sich neuen Technologien und einem grundlegenden Wandel der individuellen Mobilität gegenüber. Das Smartphone ist das neue Auto und die Entwicklung viel zu dynamisch, um verlässliche Prognosen abgeben zu können. Aber eines ist sicher: Die Individualisierung wird weitergehen. Für die Produktion bedeutet das, es wird häufiger zu Kleinserien kommen, für die auch eine Auflösung von Takt und Band diskutiert werden kann. Mit moderner Technologie können so „klassische“ Formen der Produktion wie zum Beispiel Inselfertigung interessant werden. Dies wird uns aber nicht vor 2020 begegnen. Die Logistik wiederum muss lernen, nicht alle Eventualitäten vorhersagen zu wollen, sondern selbst wandlungsfähiger und damit flexibler zu werden.

 

Prof. Henke: Wie Prof. ten Hompel bereits ausgeführt hat, sind die Veränderungsprozesse hier langfristiger. Was wir aber wahrscheinlich sehen werden, ist die stärkere Vernetzung von Logistik und Produktion. Um die Variantenvielfalt rein vom Platzbedarf am Montageort der Fahrzeuge her realisieren zu können, werden wir noch mehr Kommissionier- und Sequenzierumfänge als bereits heute schon sehen. Ganz zu schweigen von grundlegenden Veränderungen der Rollen entlang der Wertschöpfungsnetzwerke in der Automobilindustrie. Denken Sie nur an Google.