Dipl.-Ing. Marco Motta
Abteilungsleiter Supply Chain Engineering Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik

„Mit Hilfe von Simulationen ermitteln wir, welche Potenziale zur langfristigen Effizienzsteigerung bestehen und wie groß die Effekte auf andere Zielgrößen sind“, erläutert Dipl.-Ing. Marco Motta vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik. Als Beispiel nennt er die Produktion des VW Amarok im argentinischen Pacheco in Buenos Aires. Auch wenn eine Reihe von Zulieferern rund um das Werk angesiedelt sind, so besteht die Herausforderung darin, eine Vielzahl der über 11.000 Teile, aus denen das Auto besteht, 11.000 Kilometer weit zu transportieren, und zwar so, dass die Teile genau dann ankommen, wenn sie gebraucht werden.

Im Rahmen der Auftragsforschung hat das Fraunhofer IML für Volkswagen Nutzfahrzeuge eine prototypische Lösung entwickelt, welche es der Disposition ermöglicht, auf eine integrierte Informationsbasis über die Supply Chain zuzugreifen, um beispielsweise eine Verfügbarkeitsplanung durchzuführen. „Die Materialdisposition in einer globalen Supply Chain ist“, so Motta, „eine komplexe Herausforderung“, da die Konfiguration von Automobilen inzwischen so individualisiert sei, dass es durchaus auch Losgrößen von „1“ gebe.

Je einzigartiger und variantenreicher jedoch Produkte würden, desto komplizierter sei die Vorhersage des Bedarfs einzelner Teile. Im globalen Netzwerk sind die Transportzeiten aber so lang, dass hier die Lieferung auf Basis von Prognosen initiiert werden muss. Die Fraunhofer Ingenieure vom IML entwickelten zusammen mit VW Nutzfahrzeuge ein prototypisches Planungssystem, das heute hinsichtlich der operativen Unterstützungspotenziale betriebsbegleitend evaluiert wird. Das Planungssystem umfasst die Daten der gesamten Lieferkette und der Produktion: „In diesem Prototyp wird mittels ereignisdiskreter Simulation die Versorgungssicherheit der Produktion bei Änderungen im Netzwerk bewertet“.
 

Pipeline läuft aufs Werk zu

 „Sie müssen sich das wie eine gefüllte Material-Pipeline vorstellen, die auf das Werk in Argentinien zufließt“, erläutert Marco Motta das grundsätzliche Prinzip. „Nun kann es in dieser Pipeline aber zu Störungen kommen. Beispielsweise gerät ein Schiff in einen Sturm auf dem Atlantik und die Ankunft der darauf geladenen Container verzögert sich nicht nur um Stunden, sondern um zwei oder drei Tage. Was sind die Folgen auf die Produktion- und die Produktionsabläufe?“ Eine umfassende Antwort auf diese Frage kann aufgrund der Fülle der Teile und der komplizierten Strukturen nicht händisch errechnet werden. Mit der IT und der Simulationsintegration zeigt der Prototyp eine neue Bewertungsqualität.
 

Transparenz im Materialfluss

 „Dabei war es besonders wichtig, die Informationen aus IT-Systemen der Zulieferer des VW Werks, aber auch der Logistiker, wie Reeder und Speditionen, in Einklang zu bringen, um die erforderlich Transparenz zu schaffen“, erläutert Motta. Die Disposition habe jetzt die größtmögliche Transparenz, um im Falle einer Abweichung vom „normalen Fluss der Pipeline“ frühzeitig gemeinsam Entscheidungen treffen und beispielsweise Lieferengpässe und hohe Bestände vermeiden zu können. „Dies ist auch eine Form nachhaltigen Wirtschaftens“, erläutert der Ingenieur. Jede Sendung, die nicht per Luftfracht transportiert werden müsse, spare Kosten und CO2. Auch dies sei schon ein Wert an sich.´