Kurt Leidinger
Leiter der Arbeitsgruppe für Supply Chain Management im Zentralverband Spedition & Logistik

Das Wichtigste zuerst: Auch in einer sich verändernden Welt gibt es einige Fixpunkte, die sich kaum verändern. Der Lagerlogistikbereich ist und bleibt ein personalintensiver Bereich – umso mehr bedauert Kurt Leidinger die verlorene Position Österreichs am europäischen Frächtermarkt, die auch am chronischen Fahrermangel liegt: „Diese Position könnten wir durch Attraktivierung des LKW-Fahrerberufes wiederherstellen. Die Amerikaner betreiben seit Jahren hop on hop off Fahrerhubs.“ Die Entkoppelung von Fahrzeug und Fahrer könnte ganz andere Personengruppen als Fahrer ansprechen: „Warum soll ein Student in einer vorlesungsfreien Woche nicht zwei Touren mit acht Stunden fahren? Er erweitert seinen Horizont für andere Länder und Kulturen, sieht die Welt und verdient gutes Geld“, fordert Leidinger höhere Flexibilität.
 


Veränderung liegt in der Luft

Flexibilität ist aber auch in anderen Bereichen der Branche gefordert. Der große Veränderer heißt seit Jahren E-Commerce, der die Warenströme stark verändert hat. Dadurch werden Kapazitäten in traditionellen Stückgutsystemen frei, gleichzeitig stößt aber die Versorgung der Haushalte im Paketbereich an Grenzen. Ein wichtiges Schlagwort wurde dabei Smart City Logistics in Verbindung mit E-Commerce. Leidinger sieht in diesem Bereich einen neuen Anlauf, bei dem Politik und die Logistikbranche gleichermaßen gefordert sind, gemeinsam Konzepte zu gestalten: „Es besteht viel Intelligenz in den Mega-Cities, wir müssen nicht alles neu erfinden. Best Practice ist durchaus erlaubt.“
 

Globale Strukturwandel beschleunigen Entwicklungen

Die Reindustrialisierung der USA verändert weltweit große Logistikketten und damit den Bedarf an Gestaltern. Die großen Infrastrukturprojekte in Europa ergeben neue Chancen und Aufgabenfelder für die Branche. Leidinger nennt etwa Brennerbasistunnel, Bosporustunnel oder die Weiterführung der russischen Breitspur bis östlich von Wien als Beispiele. „Die Krise hat die Branche gezwungen, Strukturen zu optimieren“, konstatiert der Fachmann, der Produktivität und Qualität letztlich als Ergebnis eines durch die Wirtschaftskrise veränderten Fokus der Branche sieht: „Die Volatilität in der Wirtschaft fördert Outsourcing. Strukturen wurden der veränderten Wirtschaftswelt angepasst, Hubsystematiken verstärkt und viel in Cross-Dockanlagen investiert.“
 

Es fehlen: Innovation und Nachwuchs

Dennoch ist nicht alles eitel Wonne. Die notwendige Flexibilität bei der Ressourcendisposition stößt an Grenzen, Innovation kommt zu kurz, so Leidinger: „Ohne Innovation geht der Wettbewerb nur auf die Preise. Unternehmen haben in der Krise viel an Kraft und Substanz verloren. Damit ist der Mut für Investitionen in innovative Projekte auch gesunken.“ Leidinger, der mittlerweile über 35 Jahre Branchenerfahrung verfügt, sieht auch hier die Politik gefordert. Fördermittel für innovative Projekte wären hilfreich, so der gebürtige Welser – aber vor allem im Bereich der Ausbildung besteht Handlungsbedarf. „Das duale Ausbildungssystem ist ein hervorragendes Konzept. Es ist nur in der Öffentlichkeit nicht mehr so gut besetzt wie früher, dadurch haben wir zu wenige Bewerber“, erklärt Leidinger. In seinen Augen fehlt starke Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung. Auch in diesem Punkt könne die Politik gezielt unterstützen.
 

Die Politik als ständiger Begleiter

„Die Logistik muss den Takt atmen, den die Wirtschaft oder Politik vorgibt“, fasst Leidinger zusammen. Sie stellt die Schnittstelle zwischen Industrie und Handel dar. Die Rahmenbedingungen werden von der Politik maßgeblich beeinflusst. Hier nennt der Fachmann etwa geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA oder die schwere Krise in Griechenland. „Die Logistik folgt Chancen und auch Herausforderungen, die derartige Veränderungen mit sich führt. Da kann auch mal ein Rückzug inklusive einer schmerzlichen Abschreibung von Investments dabei sein. Investitionssicherheit ist nicht nur in der Logistik eine Kernfrage bei den Eigentümern.“
 

Rechtssicherheit als zentrale Komponente

Während die Industrie zum Teil mit zweistelligen Ebit-Margen arbeitet, lebt die Logistikbranche im Schnitt mit zwei bis drei Prozent. „Da bekommt die Begriffe Risikobereitschaft, Leerstand oder Ausfall eine andere Dimension“, warnt Leidinger. Er rät zu vertraglich klar fixierten Vereinbarungen über Restwertablöse bei Vertragsablauf, Definition von Hochlaufkurven, denn „das sind enorm sensible Bereiche. Definieren Sie partnerschaftliche Hochlaufkurven, die gemeinsam gestemmt werden.“

Letztlich will man Outsourcingpartnerschaften ja für langfristige Zusammenarbeit. Da darf man nicht gleich im ersten Jahr dem Reiz verfallen, Probleme auszulagern und sofort an die Ernte zu gehen. „Planen Sie gemeinsam, robust und realistisch. Eine durch eine stärkere Verhandlungsposition erzwungene Zusage kann schnell zum Boomerang werden“, sieht der Branchenexperte Fairness und Zusammenarbeit auf Augenhöhe als entscheidende Erfolgsfaktoren.