Vor welchen Herausforderungen steht die Logistik derzeit aus Ihrer Sicht?

Zwei wesentliche Themen sind Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Die Digitalisierung fördert neue Geschäftsmodelle und Kooperationsformen in dezentral organisierten Netzwerken. Herausforderung für die Logistik ist dabei, die richtigen Technologien zu kombinieren und Daten entlang der Supply Chain integrativ zu managen, um Ressourcen effizienter zu nutzen und die eigene Stellung in der Supply Chain zu verbessern.

Im Bereich der Nachhaltigkeit sehe ich die Herausforderung, Geschäftsmodelle sowie Organisationen zukunftsfähig zu gestalten. Ökologische und soziale Wirkungen müssen bei der Leistungserstellung berücksichtigt werden und in die Preisbildung einfließen. Dazu brauchen wir einen überstaatlichen ordnungspolitischen Rahmen und Standards, die fairen Wettbewerb unterstützen, aber auch verstärkte Initiativen in der Logistik sowie Zahlungsbereitschaft von Kundenseite.

Welchen Einfluss hat der e-Commerce aktuell?

Wir sehen nach wie vor steigende Volumina in den klassischen e-Commerce-Segmenten. Darüber hinaus haben Handelsketten ihr Online-Angebot ausgebaut, was zusätzliche Nachfrage nach Logistikleistungen schafft. Die Herausforderung ist, die hohe Nachfrage in Spitzenzeiten bedienen zu können und rasche Lieferungen zu gewährleisten. Dadurch entstehen höhere Fixkosten, die jedoch durch stabile, eventuell sogar leicht steigende Preise im KEP-Bereich trotz neuer Marktteilnehmer abgefedert werden.

Onlinehändler beschäftigen sich intensiv mit der Senkung von Rücksendungszahlen und versuchen Logistikkosten zu reduzieren. Zusätzlich sehen wir Anstrengungen, um Zusteller durch Technologie zu unterstützen, aber auch autonome Zustellfahrzeuge und Versuche mit Drohnen, um auch entlegene Gebiete effizient beliefern zu können.

Viele Veränderungen sind wahrnehmbar, andere weniger. Welche sind die mit freiem Auge weniger gut sichtbaren Veränderungen?

Geringe Sichtbarkeit ist ein grundlegendes Problem der Logistik. Sie gestaltet Güter- und Informationsflüsse, ohne die industrielle Produktion und die Verfügbarkeit von Waren nicht gegeben sind. Wir haben uns daran gewöhnt, dass das funktioniert und hinterfragen zu wenig, wie und unter welchen Bedingungen beispielsweise Transporte realisiert werden.

Es ist wichtig, dass die Logistik frühzeitig bei der Maßnahmenplanung eingebunden wird. Positive Tendenzen sehe ich im verstärkten Dialog zwischen Politik und Logistik sowie bei der zielgerichteten Gestaltung von relevanten Forschungsförderungsprogrammen.

Sie befassen sich stark mit dem Thema Nachhaltigkeit in Transport, Logistik und Supply Chain Management. Können Sie uns einen Überblick über die wesentlichen Trends der jüngeren Vergangenheit sowie aktuelle Entwicklungen geben?

Klimawandel und Umweltverschmutzung, aber auch zweifelhafte Geschäftspraktiken und Arbeitsbedingungen sind nach wie vor wesentliche Themen. Die Folgekosten könnten jedoch nicht nur für die Allgemeinheit, sondern auch für Unternehmen sehr hoch werden. Wesentliche Themen in der Logistik sind alternative Antriebe, die nachhaltige Ausgestaltung der Ver- und Entsorgung urbaner Räume und die Weiterentwicklung der Entsorgungslogistik in Richtung Wertstoffmanagement.

Ziel sollte die Schaffung kreisförmiger Supply Chains sein, um Ressourcen im Wirtschaftskreislauf zu halten. Entlang industrieller Supply Chains erweitern Unternehmen zunehmend den Fokus der Betrachtung, um auch weiter vorgelagerte Produktionsstufen zu erfassen.

Außerdem arbeiten Sie an der monetären Bewertung von Treibhausgasemissionen. Was gibt es dabei zu beachten, wie funktioniert eine derartige Bewertung?

Die Emission von Treibhausgasen ist Treiber des Klimawandels und verursacht externe Kosten. In der Logistik entstehen Treibhausgase vor allem durch die Verbrennung fossiler Energieträger beim Transport, aber auch bei stationären Logistikprozessen. Die monetäre Bewertung dient dazu, Emissionen für ökonomische Analysen in Geldeinheiten zu ermitteln.

Dazu stehen unterschiedliche Ansätze zur Verfügung, die zu stark abweichenden Ergebnissen führen. Die Kompensation von Treibhausgasen ist für Unternehmen jedenfalls aktuell sehr billig, Anreize für Investitionen in emissionsarme Betriebsmittel und Konzepte sind dadurch derzeit definitiv zu schwach.