• Intelligente Produktion braucht smarte Logistik
  • Fakten schaffen, um zukunftsfähig zu werden
  • Chancen nutzen statt auf Innovationen zu warten
  • Handel und Logistik wachsen immer stärker zusammen

DI Roland Sommer, Geschäftsführer Verein Industrie 4.0 Österreich – die Plattform für intelligente Produktion

Intelligente Produktion braucht smarte Logistik

„Eine digitale Fabrik wird ohne eine automatisierte und digitalisierte Logistik innerhalb des Unternehmens, aber auch in der gesamten Supply Chain nicht realisierbar sein.“

Allein zu produzieren, reicht nicht. Irgendwie müssen die Waren schließlich zu Kunden und Konsumenten gelangen. Deshalb ist es naheliegend, dass die Wirtschaft bei der Digitalisierung der Industrie an der Logistik nicht vorbeikommt. Warum aber sollte ein Produkt auf die alteingesessene Weise über die Wertschöpfungskette transportiert werden, wenn es hinter den Fabrikmauern bereits smart zugeht?

So konstatiert Roland Sommer, Geschäftsführer der Plattform „Industrie 4.0 Österreich“: „Die Digitalisierung der Supply Chain ist vielfach der nächstfolgende logische Schritt über Unternehmensgrenzen hinweg bei der kontinuierlichen und schrittweisen Einführung von Digitalisierungstechnologien entlang der Wertschöpfungskette.“

Wer rastet, der rostet

Schließlich werden die Materialflüsse zunehmend komplexer und das hat verschiedene Gründe: Die Ansprüche der KundInnen an die Lieferung steigen zunehmend. Insbesondere in den Bereichen Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit wird angesichts allseits bekannter Transportstandards von den Kunden genauer hingesehen.

Nur gute Qualität zu produzieren, reicht somit nicht – man muss auch liefern, da die MitbewerberInnen nicht schlafen. Des Weiteren stellt ein wachsendes Sortiment, dessen Produkte zudem in immer kleineren Loseinheiten produziert werden, die Hersteller vor Herausforderungen, berichtet Sommer: „Um in der Produktion kundenorientiert und effizient zu arbeiten, ist das Management der Komplexität und Variantenvielfalt ein Kernthema.“

Ökologisch und ökonomisch

Sommer sieht insbesondere in der automatisierten Bereitstellung von Daten ein großes Potenzial für einen Quantensprung: Das erhöhe nicht nur die Effizienz, sondern ermögliche zusätzlich ganz neu Wege. Um das möglich zu machen, sei es aber wichtig, unterschiedliche Faktoren wie etwa die Qualifikation von MitarbeiterInnen oder nachhaltige Lösungen intelligent mit den Produktionsabläufen zu verknüpfen.

Die Herausforderung sei dabei auch, die Wettbewerbsfähigkeit nicht aus den Augen zu verlieren: „Vorteile und Leistungen, die durch smarte Fabriken erzielt werden, müssen gezielt in agile Supply Chains und in einer weiteren Entwicklungsstufe in Wertschöpfungsnetzwerke integriert werden.“

FH-Prof. DI Franz Staberhofer, Leiter Logistikum FH Oberösterreich in Steyr, Obmann des „Verein Netzwerk Logistik“ (VNL) Österreich

Fakten schaffen, um zukunftsfähig zu werden

Smart hat die Bedeutung clever und clever sollte Logistik in der Tat sein. Leider steht Smart Logistik oft als Synonym für den Wunsch nach Fortschritt mit gleichzeitigem Mangel an Tiefgang. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss auch die Transportwirtschaft „smart“ werden.

Aber auch wenn dieser Begriff in der Branche derzeit in aller Munde ist, weiß noch nicht jeder zwingend, was das konkret bedeutet: „Viele reden von Zukunftsmusik, aber das Erkennen der größtenteils herumstehenden Instrumente und das Suchen der notwendigen Musiker ist selten Inhalt der Gespräche“, urteilt Franz Staberhofer, Leiter des Logistikums der FH Oberösterreich in Steyr und Obmann des „Verein Netzwerk Logistik“ (VNL) Österreich.

Kluger Technologieeinsatz

Um konkrete Antworten auf die Frage zu finden, wie smarte Logistik aussehen kann, hat der Verein eine Arbeitsgruppe für „Smart Logistics“ eingerichtet – in Kooperation mit der Plattform „Industrie 4.0 Österreich“. Schließlich nimmt die Logistik bei der Digitalisierung des Produktionsgewerbes eine Schlüsselposition ein.

Staberhofer: „Wenn man unter Industrie 4.0 die Zielsetzung sieht, den Kunden flexibler beziehungsweise günstiger zu versorgen, muss die Produktion in kürzeren Durchlaufzeiten agieren. Supply Chain Management hat dann die Aufgabe, diese Fähigkeit in ein globales Wertschöpfungsnetzwerk einzusteuern und damit ins Wirken zu bringen.“

Smarte Logistik heißt aber nicht nur, durch klugen Technologieeinsatz Profite zu maximieren: Um zukunftsfähig zu werden, darf man auch die Faktoren Mensch und Umwelt nicht aus den Augen verlieren: Langfristig muss die Wertschöpfungskette ebenso ökologisch betrachtet effizient funktionieren.

Umschulen statt ersetzen

Der digitale Wandel wird zudem die Arbeitswelt der Logistik verändern. Die Technologie übernimmt zunehmend Aufgaben der MitarbeiterInnen. Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeit der Zukunft nur von Roboterhand verrichtet wird: Statt Menschen zu ersetzen, heißt es hier, neue Arbeitsfelder zu finden und Angestellte entsprechend zu schulen.

Wichtig ist laut Staberhofer aber vor allem, jetzt nicht nur bloß theoretisierend in die Zukunft zu blicken, sondern die aktuellen Überlegungen auch rasch in die Tat umzusetzen: „Die größte Herausforderung ist, sich von diesem allgemeinen Level der Orientierung auf die konkrete Ebene zu begeben. Das größte Risiko ist, das nicht zu tun und trotzdem Geld auszugeben.“

Prof. Dr. Wilfried Sihn, Geschäftsführer Fraunhofer Austria Research GmbH

Chancen nutzen statt auf Innovationen zu warten

„In Sachen Industrie 4.0 hat der Zug den Bahnhof inzwischen verlassen und nimmt Geschwindigkeit auf. Wer jetzt noch zögert, sich mit dieser Entwicklung zu befassen, landet auf dem Abstellgleis.“

Jeder Wirtschaftsstandort ist anders. Deshalb existiert auch kein einheitlicher Plan für die Digitalisierung. In allen Ländern muss daher jedes Unternehmen sein eigenes Konzept finden, um im Wettbewerb des digitalen Zeitalters mithalten zu können. Wilfried Sihn, Geschäftsführer der Fraunhofer Austria Research GmbH betont deshalb ausdrücklich: „Es gibt keinen Königsweg.“

Das gelte insbesondere für das von mittelständischen Unternehmen geprägte Industrieland Österreich. Anstatt großer Konzerne mit entsprechendem Know-how in den Bereichen Personal und Technologie hat man es hierzulande viel mehr mit kleineren Firmen zu tun, die aber nicht weniger mit den Herausforderungen des digitalen Wandels konfrontiert sind.

Neue Mittel und Wege

Schließlich wird man sich Sihn zufolge von gewohnten Prinzipien verabschieden müssen: Das starre Verhältnis von Produzent, Lieferant und Endkunde löse sich zunehmend auf und weiche flexiblen Netzwerken und variablen Warenflüssen. Ein Beispiel sei der städtische Verkehr, in dem im Sinne der Nachhaltigkeit bald keine Schwertransporter mehr erlaubt sein dürften. Kleine flexible und elektrisch betriebene Transportsysteme seien auf dem Vormarsch.

Fatal sei es daher, jetzt erst einmal abzuwarten, was die Zukunft bringe. „Wir haben große Konzerne gesehen, die über Nacht weg waren, weil sie digitale Entwicklungen verschlafen haben. Man darf sich nicht zurücklehnen und tatenlos zusehen, was im Innovationsbereich passiert. Es gilt, jetzt seine Chance zu nutzen.“

Bewegung und Beratung

Sihn räumt ein, dass das hierzulande derzeit noch vielen Unternehmen nicht leichtfällt. Das liege vor allem an der bereits existierenden und weiterhin rasant wachsenden Vielfalt von technologischen Möglichkeiten, die nicht jeder zu seinem Vorteil überblicke – hier gebe es noch viel Potenzial und vor allem Beratungsbedarf.

Jedoch bemerkt der Professor vom Institut für Managementwissenschaften der TU Wien, dass sich in Österreich derzeit einiges bewegt: „Vor einem Jahr noch haben viele über Industrie 4.0 geredet, wussten das bloß nicht anzuwenden. Inzwischen aber tut sich vieles – nun laufen schon zahlreiche Projekte auf diesem Gebiet. Dass die Unternehmen hier etwas tun, ist auch richtig und wichtig.“

Ing. Mag. Rainer Will, Geschäftsführer Handelsverband, Direktor European eCommerce and Omni-Channel Trade Association (Emota) © Foto: Stephan Doleschal

Handel und Logistik wachsen immer stärker zusammen

Die Begriffe „Smart Logistics“ oder auch „Industrie 4.0“ umschreiben die zunehmende Digitalisierung auf allen Ebenen und ein immer stärkeres Ineinandergreifen von Prozessen.

„Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass die Digitalisierung unser gesamtes Wirtschaftssystem in den nächsten zehn Jahren fundamental verändern wird. Der Handel war bereits als eine der ersten Branchen von den Umwälzungen der digitalen Transformation betroffen und versucht seither mit Hochdruck, mit innovativen Ideen darauf zu reagieren“, sagt Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands und Direktor der European eCommerce and Omni-Channel Trade Association (Emota).

Die intelligente Palette

Die E-Commerce-Umsätze sind in den letzten vier Jahren um mehr als 30 Prozent gestiegen, die Paketvolumina um 25 Prozent. Digitalisierung ist für den Handel also alles andere als Neuland und fordert völlig neue logistische Konzepte, etwa im Stadtgebiet, um der „Smart City“ gerecht zu werden.

Von kleinen, selbstfahrenden LKWs, die im Stadtkern nachts Pakete auf der letzten Meile ausliefern, bis hin zu unterirdischen Röhrensystemen, wie sie derzeit in der Schweiz entwickelt werden. Aber auch die Handelslogistik erfordert zunehmend smarte Technologien – Stichwort Internet of Things: Das Regal, das selbst seinen Warenbestand erfasst und nachordert oder die intelligente Europalette.

Globale Herausforderungen

Ein weiteres spannendes Zukunftsthema, welches die Logistikbranche wie auch den Handel radikal verändern könnte, ist Blockchain. Die Technologie hat neben den populären Cryptowährungen wie Bitcoin noch sehr viel mehr zu bieten. Seien es Vertragsabschlüsse mit Zulieferern, Nachbestellungen von Komponenten, das Tracking von verschickten Produkten oder die Dokumentation von Qualitätskontrollen und Ursprungsnachweisen.

Solche Entwicklungen sind auch im Hinblick auf die Herausforderungen der globalen Logistik mit derzeit teilweise sehr instabilen, geopolitischen Entwicklungen unabdingbar, zur Sicherung der Lieferkettensicherheit sowie für die nachhaltige Prozess- und Kostenoptimierung. Der Handelsverband ist hier als Innovationsplattform sehr aktiv und setzt daher auf eine enge Partnerschaft von Handel, Logistik und Politik.