Was bedeutet Digitalisierung für Unternehmen eigentlich?

Unternehmen müssen sich unter zwei Gesichtspunkten mit Digitalisierung beschäftigen. Das eine ist die Digitalisierung von Abläufen und Prozessen. Das ist prinzipiell nichts Neues. Damit beschäftigt man sich in Industrie und Handel bereits seit 30 bis 40 Jahren. Diese Entwicklung hat aber aktuell wieder Aufwind bekommen, weil der Analyse von Daten eine zunehmend größere Bedeutung zukommt.

Dieses Thema wurde lange etwas stiefmütterlich behandelt, ist aber mittlerweile auch auf der Vorstandsebene angekommen und wird noch zu größeren Veränderungen führen. Das Andere ist die digitale Transformation von Geschäftsmodellen, die alle Prozesse und Bereiche eines Unternehmens berührt.

Wie werden etablierte Geschäftsmodelle vom technologischen Wandel herausgefordert?

Die technologischen Entwicklungen und deren Verbreitung führen dazu, dass Unternehmen sich viel stärker als noch in den letzten beiden Jahrzehnten selbst die Frage stellen müssen: Haben wir in diesem Kontext noch eine Vision? Ist diese Vision kompatibel mit einer zukünftig noch stärker digitalisierten Gesellschaft?

Leisten wir einen Wertbeitrag, den man unter diesen Rahmenbedingungen auch verkaufen kann? Oder etwas prosaischer: Warum bin ich überhaupt hier? Will ich „Freude am Fahren“ verkaufen oder geht es darum, Personen multimodal von A nach B zu bringen. Das sind grundsätzliche Fragen, die sich nicht auf einzelne Unternehmensbereiche beschränken lassen und dessen Gesamtorganisation nachhaltig transformieren.

Ist das ein Prozess, der vor allem Unternehmen im IT-Bereich berührt?

Überhaupt nicht. Jeder ist davon betroffen. Besser: Alle Organisationen sind von den Risiken der Digitalisierung betroffen, aber es haben auch alle die Möglichkeit, ihre Potenziale zu nutzen, wenn sie über die richtigen Ressourcen und das entsprechende Know-how verfügen.

Wie verändert die Digitalisierung die Rolle von IT-Abteilungen?

Oftmals werden IT-Abteilungen als reiner Kosten- und nicht als Innovationsfaktor gesehen. Oberstes Ziel ist ein möglichst günstiger Betrieb der IT-Infrastruktur, zumindest wurde das lange Zeit als primäre Aufgabe betrachtet. Darum findet man CIOs auch so selten auf der Vorstandsebene.

Häufig ist die IT-Abteilung dann dem CFO unterstellt, was bereits einiges über ihren Stellenwert verrät. Die strategische Bedeutung von IT wächst aber. Ein sicheres Zeichen dafür ist die Debatte rund um die Einführung von CIOs auf der Vorstandsebene.

Was ist die Kernaufgabe eines CIO?

Die zentrale Aufgabe eine CIO sehe ich darin, kontinuierlich die Digitalisierung der Gesellschaft zu beobachten, deren Folgen für das Unternehmen abzuschätzen und zu überlegen, wie man als Organisation auf diese reagieren kann. Vielfach gibt die technologische Entwicklung den Anstoß zu weiteren, daraus abgeleiteten Innovationsprozessen. Wenn der CIO nur ein besserer Systemadministrator sein soll, dann erübrigt sich die Position natürlich.

Wie würden Sie das Anforderungsprofil an Professionisten in solchen Schnittstellenpositionen wie z.B. CIO beschreiben?

Es braucht zumindest ein basales Verständnis von Technik und einen Überblick über aktuelle Entwicklungen. Ich muss vielleicht nicht programmieren können, aber die wichtigsten Grundlagen muss ich verstehen. Es schadet auch sicher nicht, wenn man selbst die Infrastruktur betreiben kann.

Zusätzlich brauche ich auch eine grundlegende Ahnung von Unternehmensführung, um zu verstehen, welche Rolle IT im Unternehmen spielt und wie die Digitalisierung Kernbereiche des Unternehmens verändert. Im Regelfall ist es nicht möglich sich in beiden Bereichen eine tiefgreifende Expertise anzueignen, daher braucht es ein eine gute Kombination beider Bereiche, der jeweilige Schwerpunkt wird von Organisation abhängig sein.

Die Paarung Management und IT ist aber weder in der Wirtschaft, noch in den Ausbildungsinstitutionen die Regel?

Es gibt mittlerweile Lehrgänge, die sich explizit dieser Querschnittsmaterien annehmen. Technisch Verantwortliche sind an dieser Entwicklung natürlich näher dran. Die Frage ist aber, ob sie die Tragweite und Konsequenzen von Neuerungen richtig abschätzen können.

Menschen aus dem Management haben zwar ein Verständnis für die strategische Dimension eines Unternehmens, lassen aber oft das technische Know-how vermissen, um zu erkennen, wann welche Technologien für die Unternehmensstrategie relevant werden. Hinzu kommt, dass Management und Technik nicht immer die gleiche Sprache sprechen. Für Unternehmen ist es mittlerweile eine zentrale Aufgabe, Dialogfähigkeit zwischen diesen beiden Bereichen sicherzustellen.

Das bedeutet eben, MitarbeiterInnen mit entsprechenden Qualifikationen zu finden. Für Verantwortliche in solchen Schnittstellenpositionen oder solche, die es werden wollen, heißt es, sich eben diese Qualifikationen anzueignen. Da ein Endpunkt der Digitalisierung nicht absehbar ist, ist das sicherlich keine falsche Entscheidung.