Herr Grad, gibt es so etwas wie eine Definition, was diese „Digitalisierung“ eigentlich bedeutet?

Das ist eine gute Frage, weil diese eines der Hauptprobleme ist, welchem KMU’s in Österreich gegenüber stehen. Die Themen Digitalisierung & E-Commerce werden momentan sehr heiß aber vor allem sehr oft diskutiert. Faktisch gibt es keine eindeutige Definition, die zu 100% passt. Für einige Unternehmen bedeutet es, Prozesse in Software-Lösungen umzuwandeln, für andere hingegen, dass sich Geschäftstätigkeit verstärkt ins Internet verlagern. Das Thema ist so breit gefasst, dass es für jede Sparte, ja sogar für jedes Unternehmen einzeln zu definieren wäre.

Wie ist aus Ihrer Sicht der derzeitige Stand in Österreich?

Österreich bildet in der DACH-Region momentan das Schlusslicht. Wir haben diese „Schau’ ma mal“-Mentalität. So verlieren österreichische Unternehmen im internationalen Vergleich den Anschluss. In Deutschland hat man erkannt, wie wichtig dieser Wandel mit all’ den Prozessen ist. Dementsprechend wird in Ressourcen investiert. Die wichtigsten hierbei sind gute Mitarbeiter. In Österreich fehlt aber auch der notwendige Mehr-Mut zu Innovation, um am Zug der Zeit zu bleiben.

Wie stark ist die politische Komponente dieser Dinge – insbesondere in Österreich?

Natürlich ist dieses ganze Thema auch ein politisches, gerade wenn Förderungen über neue Steuern im Hinblick auf Automatisierung laut werden. Meiner Meinung nach wäre es das Beste, wenn sich die Politik raushält und den Markt einfach machen lässt. Das ist nicht besonders populär und erfordert doppelten Mut, aber eben in der Digitalisierung gibt es die alten Staatsgrenzen nicht mehr. E-Commerce ist groß geworden und bietet für Unternehmen prinzipiell über 6 Milliarden Kunden.

Beim E-Commerce sind natürlich Fragen wie Gewährleistungspflichten auch sehr wichtig.

So etwas sollte natürlich EU-weit gleichberechtigt ablaufen, aber die Staaten schaffen es nach wie vor nicht, sich untereinander zu einigen. Auf kürzeste Distanzen (bspw. Deutschland & Österreich) ergeben sich sogar unterschiedliche Vorgaben. Die Nationalstaaten sind noch zu unflexibel für dieses Zeitalter, in dem wir leben. Viele halten Digitalisierung immer noch für einen Trend, dabei ist sie längst ein gelebtes Verhalten.

Oft hört man den Vorwurf, größere Online-Versandhändler würden den stationären Handel zerstören.

Das stimmt so nicht. Sie besetzen im Endeffekt nur eine Nische, nämlich jene der Flexibilität und Verfügbarkeit. Oft hört man:„Wir haben diesen Artikel nicht lagernd.“ Hier ist der Moment, wo Onlinehändler ansetzen - und dann auch noch beinhart und innovativ statt zaghaft.

Viele Unternehmen wissen wohl nicht, wo sie ansetzen sollen. Wie finde ich denn als Unternehmer heraus, was ich überhaupt brauche?

Mit dem Einrichten eines Onlineshops allein ist es ja nicht getan. Das kann jede kleine Medienagentur, aber wie schon gesagt, das reicht nicht. Als Händler oder als produzierendes Unternehmen muss man seine Zielgruppen kennen, Prozesse abbilden können um den Aufwand für den Kunden so gering wie möglich halten. Daher die Empfehlung: ein Berater muss her, der Prozesse begleitet und hilft, Preise zu vergleichen.

Zur Vernetzung empfehle ich Veranstaltungen wie den A-Commerce Day oder die Digital Alpha Treffen, wo es um alle Teilbereiche der Digitalisierung geht und man ein tiefgreifendes Know How aber auch ein persönliches Netzwerk aufbauen kann.

Welche Potentiale könnten gerade heimische KMU noch heben?

Die große Chance liegt darin, Produkte und Dienstleistungen genau dann & genau dort anzubieten, wo der Kunde sie gerade braucht. Die örtliche Barriere wird somit überbrückt. Natürlich muss man sich dementsprechend vermehrt auf den Kunden einstellen, ist dafür aber auch ganz nah an ihm dran.