Worauf kommt es beim Büromöbeldesign besonders an?

Man muss hierbei sicherlich verschiedene Bereiche beachten, sowohl das große Ganze als auch das Detail sind entscheidend. Im Detail geht es um Usability, um Ergonomie und um funktionierende Arbeitsplätze, die auf die Person anpassbar sind. Beim großen Ganzen geht es um Raumsituationen, darum, offene Büros für Kommunikation unter den Mitarbeitern zu schaffen sowie Rückzugsgebiete für den Einzelnen zu gestalten.

Das Eine geht sehr viel ins Produkt, in den Bürogegenstand, das Andere bezieht sich sehr stark auf den Raum. Mir geht es darum, im Büro Platz für Kreativität und zugleich Raum für sowohl Interaktion als auch Individualität zu schaffen. Die Büromöbel sollten dabei nicht im Mittelpunkt stehen und weitestgehend auf ihre Funktionalität reduziert sein.

Was ist für Sie als Produktdesigner wichtig?

Für mich stehen vor allem die Erwartungshaltung oder auch die Zukunft des Arbeitens im Vordergrund. Hier ist ein großer gesellschaftlicher Wandel im Gange. Die klare Trennung zwischen dem anonymen, sterilen Büro und dem heimischen, familiären Zuhause gibt es nicht mehr. Wir  nehmen unsere Kommunikationsmittel aus dem Büro mit nach Hause und unsere privaten Kommunikationsmittel mit ins Büro.

Auch im Bewusstsein der Menschen gibt es nicht mehr den offiziellen Büromenschen und die Privatperson, abstrakt gesprochen das Businesskostüm auf der einen Seite und den Jogginganzug auf der anderen Seite. Die Grenzen sind völlig ineinander verschwommen und das ist auch gut so, denn es macht das Arbeiten selbst und die Personen authentischer und ehrlicher. Das ist auch für Büromöbel ganz wichtig: diese Authentizität mit einfließen zu lassen.

Wie spiegelt sich das beim Design von Büromöbeln wider?

Büromöbel können einen wahnsinnigen Status suggerieren, man denke nur an den klassischen, wuchtigen Chefsessel aus Leder. Diese Statusoberfläche ist mittlerweile aber nicht mehr vonnöten, es gibt einen viel größeren, intellektuellen Anspruch als diesen oberflächlichen Anspruch. Ich verstehe meine Aufgabe dahingehend, dieses Stück an Ehrlichkeit und Authentizität auch in Büromöbel mit hineinzubringen.

Es ist ein schmaler Grat, denn ich will nicht ein Büro einrichten, als wäre es ein Zuhause, mit gemütlichen Sesseln und Kaffeekocher am Tisch. Ich glaube aber, dass man die sehr dominanten, klassischen Büromaterialien wie Stahl, Glas und Leder, oder das komplett sterile Kunststoffgrau in dieser Form in einem Büro nicht mehr braucht.

Die Materialien und die Oberflächen können viel ehrlicher sein, Hierarchien stehen da nicht mehr im Vordergrund, sie werden im Büro nicht mehr durch Büromöbel ausgedrückt.

Welche Rolle spielt dabei das Thema Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit sieht man in erster Linie in den Materialien, die verwendet werden. Aber es geht bei den Produkten auch um Wiederverwendbarkeit, darum, dass die Produkte auch modular sind. Man muss ein Büro neu strukturieren können, damit ein Unternehmen gegebenenfalls übersiedeln kann und es nicht am Wachstum gehindert wird. Dabei ist wichtig, dass alles skalierbar und modulierbar und so miteinander kombinierbar ist.

Nur dann kann sich ein Büro auch bewegen und bleibt sozusagen agil. Dieses Statische, dieses Durchgeplante, das Ausnutzen von jedem Quadratmillimeter, das ist nicht Sinn der Sache. Es muss in Büros durchaus auch Raum geben, Platz zum Denken. Bereiche, die nicht verstellt sind, wo man einen gewissen Horizont entwickeln kann.

Ein arabisches Sprichwort lautet: Allah hat die Wüste geschaffen, damit der Mensch einen Platz zum Denken hat. Ein Büro braucht also Räume, die einem eine visuelle Pause gönnen, wo man Platz zum Denken hat.

Welche Zukunftstrends erwarten den Bereich Büromöbeldesign?

Von allen Berufen wird mittlerweile ein großes Maß an Agilität, Flexibilität und Kreativität verlangt. Das braucht auch eine Möglichkeit, einen Schritt zurückzutun aus dem aktuellen Tagesgeschehen, um sich neu zu formatieren. Das hat mit dieser Ehrlichkeit, mit dieser Authentizität zu tun, die es dazu braucht. Es gab eine Zeit, wo die Teamarbeit und das Team an sich immer im Vordergrund gestanden sind. Was wir jetzt entdecken, ist nicht nur die Kreativität eines Kollektivs, sondern auch die Kreativität einer einzelnen Person, dafür muss ein Büro auch Rechenschaft tragen. Gerade in Situationen wie Großraumbüros, braucht es Bereiche des Rückzugs und der Konzentration. Die Zukunft im Büro geht dorthin, dass der Arbeitsplatz an Anonymität und Sterilität verliert. Der Arbeitsplatz wird authentischer, modularer und bietet daher für jede Person auch mehr Möglichkeiten sich einzubringen.

Spielt das Thema Ergonomie eine wichtige Rolle?

Natürlich spielt Ergonomie eine Rolle. Was nützt es, den schönsten Stuhl zu haben, auf dem ich aber nicht sitzen und nicht arbeiten kann? Aber ich glaube auch nicht, dass es das Ziel sein sollte, einen Bürostuhl ausschließlich ergonomisch auszurichten, damit ein Mitarbeiter acht Stunden am Stück ohne Rückenschmerzen darin sitzen kann. Es darf nicht das Ziel unserer Arbeitswelt sein, dass wir Maschinen schaffen, die uns selbst zu Robotern machen.

Möbel reflektieren eine gewisse Unternehmenskultur. Wenn eine Firma nur auf Funktionalität und auf maximale Mitarbeitereffizienz setzt und deshalb die ergonomischsten Stühle im Büro hat, ist das eine negative Symbolik. Ich bin kein Freund von Sitzmaschinen, sondern finde es besser, wenn jemand auch einmal aufsteht, sich einen Kaffee holt, mit anderen kommuniziert und interagiert.

Sich auf andere Stühle zurückzuziehen und in Bewegung bleiben, sowohl gedanklich als auch körperlich, ist sehr wichtig. Setzt ein Unternehmen auf Design und auf Kreativität, dann ist das ein positives Zeichen, sowohl nach außen als auch nach innen. Denn Büromöbel geben sehr viel Aufschluss über die Ziele und über die Philosophie eines Unternehmens.

 

DESIGN THOMAS FEICHTNER