Prof. DI Wilhelm Bauer
Institutsleiter Fraunhofer IAO und IAT Universität Stuttgart

Warum treibt Smart Factory die Unternehmen derartig an?

Nach der Mechanisierung industrieller Prozesse im 18. Jahrhundert, ihrer Industrialisierung ein Jahrhundert später und der Automatisierung der letzten 40 Jahre wird durch die Digitalisierung eine vierte industrielle Revolution erwartet. Die Digitalisierung hat unsere Welt verändert. Um weite Bereiche der Produktion hat sie aber einen Bogen gemacht. Wir befinden uns zudem in einer Phase, in der viele Nationen auf Reindustrialisierung setzen, nachdem jahrzehntelang der Aufbau einer Dienstleistungsgesellschaft das große Ziel war. Hier wurde die Entwicklung in vielen Staaten überspannt. Die letzte Krise hat gezeigt, dass ein starker industrieller Kern volkswirtschaftliche Stabilität sichert.

Wie sieht es konkret in einer smarten Fabrik aus?

Die echtzeitfähige Vernetzung aller Fabrikbestandteile sollte bessere und schnellere Entscheidungen erlauben. Sämtliche Maschinen sind miteinander vernetzt und die Mitarbeiter durch mobile Endgeräte in den Prozess eingebunden. Sie arbeiten Hand in Hand mit Robotern und behalten die Entscheidungshoheit. So entstehen individualisierte Prozesse für individuelle Produkte.

Das ist aber noch längst nicht Alltag. Was steht dieser nächsten industriellen Revolution bisher im Weg?

Wir sind noch nicht soweit, eine Smart Factory auf der grünen Wiese zu bauen. Viele gute Lösungen müssen sich noch in der Praxis bewähren. Smart Data benötigt etwa eine hohe Datenqualität, die in vielen Unternehmen noch erzeugt werden muss. Mobilgeräte und die Kooperation mit Robotern sind für viele Mitarbeiter neu. Hier gilt es Akzeptanzbarrieren abzubauen und die Beteiligten zu Gestaltern neuer Lösungen zu machen.

Welche Rolle spielt bei der Vernetzung der Unternehmensbereiche die Gebäudeautomation?

Die Intelligenz des Gebäudes wird zunehmen. Equipment und Prozesse werden sensitiver, die Anzahl der eingesetzten Sensoren wird zunehmen und auch die Vernetzung des Gebäudes mit Produktionsprozessen wird verstärkt. Eine Prozessdatenauswertung ermöglicht die echtzeitnahe Anpassung der Gebäudeautomatisierung auf notwendige Parameter wie Licht, Lärm und Raumluftqualität.

Wie kann man sich die künftige Entwicklung dieser Vernetzung vorstellen?

Kleine Sensoren und Computer, sogenannte cyber-physische Systeme, verbinden einzelne Objekte mit dem Internet und melden deren Bewegungs- und Zustandsdaten regelmäßig. Schon heute werden in größeren Anlagen viele Prozessparameter so überwacht. Zukünftig wird dies ausgedehnt auf jegliche relevante Objekte – Behälter, Werkzeuge, Material und Aufträge. So wird ein echtzeitnahes Abbild der Wertschöpfungsprozesse möglich. Somit sind Mitarbeiter in der Lage, Entscheidungen auf einer besseren Informationsgrundlage zu treffen.

Es wird also noch einiges passieren. Was sind die aktuell wichtigsten technischen Neuerungen?

Momentan stehen vor allem die Mensch-Roboter-Kooperation und die mobile Nutzung des Internets im Vordergrund. In beiden Bereichen erleben wir gerade den Sprung aus den Laboren in die Serienproduktion. Auf lange Sicht erscheint vor allem die Nutzung von Algorithmen der künstlichen Intelligenz als vielversprechend. Die selbstorganisierte Fabrik, in der viele Entscheidungen kognitiv von Maschinen getroffen werden, ist aber noch Zukunftsmusik.