OSR Dr. Otto Widetschek
Branddirektor der Stadt Graz Präsident des Brandschutzforums Austria, IG Lebenszyklus Hochbau

Wird das Thema Brandschutz bei betrieblichen Gebäuden generell unterschätzt?

Leider ja! Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2007 besagt, dass 43 Prozent der von einem Großbrand betroffenen Firmen sofort Insolvenz anmelden. Nach drei Jahren sind weitere 28 Prozent vom Markt verschwunden. Das heißt: fast drei Viertel aller Brandfälle führen zu einer Betriebsauflösung. Derartige Zahlen können auch für Österreich als relevant angenommen werden.

Wie hoch liegt die durchschnittliche Zahl der Brände pro Jahr in Österreich?

In Österreich ereignen sich jährlich ungefähr 25.000 Brände. Es brennt also im Mittel alle 20 Minuten. In etwa der Hälfte aller Fälle wird dadurch lediglich ein Kleinschaden von weniger als 100 Euro verursacht.

Wo sollte man ansetzen, wenn es darum geht, vorbeugende Maßnahmen für den bautechnischen Brandschutz festzulegen?

Der vorbeugende Brandschutz wird in bauliche, technische und organisatorische Maßnahmen eingeteilt. Die wichtigste bauliche Maßnahme ist die Unterteilung eines Bauwerkes in Brandabschnitte, durch welche bei einem ausbrechenden Brand eine Lokalisierung auf diesen Bereich erreicht werden kann. Die Schwäche von Brandmauern sind allerdings dessen Durchbrüche (Türen, Tore, Kabel- und Lüftungsdurchführungen etc.), welche durch entsprechende Maßnahmen brandschutztechnisch abzuschließen sind. Technische Maßnahmen dienen zur Brandfrüherkennung, Brandbekämpfung sowie zur Brandrauchentlüftung. Diese Anlagen sind durch Fachleute zu planen, zu errichten und laufend zu warten. Organisatorische Maßnahmen wiederrum betreffen den gesamten Betriebsbrandschutz, wobei Brandschutzbeauftragte zu bestellen und auszubilden sind.

Verschieden hohe Gebäude haben unterschiedliche Anforderungen. Was sind die Grundregeln beim baulichen Brandschutz?

Aus der Sicht des Brandschutzes ist es erforderlich, eine weitgehend nicht brennbare Bauart zu wählen. Je weniger Nahrung für das Feuer zur Verfügung steht, desto geringer sind dessen Chancen sich unkontrolliert auszubreiten. Deswegen sind Massivbauten den heute immer stärker in den Vordergrund tretenden Bauwerken in Leichtbauweise vorzuziehen. Aus aktuellem Anlass sind die heute erforderlichen Wärmedämmmaßnahmen in erster Linie mit Hilfe von unbrennbaren Dämmstoffen durchzuführen.

Neben dem Sicherheitsaspekt spielt auch der Kostenfaktor beim betrieblichen und bautechnischen Brandschutz eine wesentliche Rolle. Was gilt es hier zu beachten?

Bei der Umsetzung eines effektiven Brandschutzes gilt der Grundsatz: Ahnung kommt vor Planung. Das soll heißen, dass der Brandschutz schon vor Beginn der eigentlichen Errichtung eines Bauwerkes einzuplanen ist. Der Brandschutz muss ein Gebot der ersten Stunde sein. Denn seine Vernachlässigung bzw. Planungsfehler rächen sich bei einer nachträglichen Implementierung von erforderlichen Brandschutzmaßnahmen in Form von wesentlich erhöhten Kosten.

Gibt es eine Art Grund- philosophie, die sie beim Brandschutz vertreten?

Jedes Bauwerk muss so geplant und ausgeführt sein, dass bei einem Brand 1.) die Tragfähigkeit des Bauwerkes während eines bestimmten Zeitraumes erhalten bleibt, 2.) die Ausbreitung von Feuer und Rauch innerhalb des Bauwerkes begrenzt wird, 3.) die Löscharbeiten wirksam durchgeführt werden können, 4.) die Benützer das Gebäude unverletzt verlassen oder durch andere Maßnahmen gerettet werden können und 5.) die Sicherheit der Rettungsmannschaften berücksichtigt wird. Diese Forderungen stellen die elementaren Voraussetzungen für ein Bauwerk bei einem Brand dar und wurden in einem Grundlagendokument der Europäischen Union definiert.