Was war damals der Anlass für diese weitreichende Entscheidung?

Das hatte vor allem wirtschaftliche Gründe: Vor einigen Jahrzehnten gab es in unserer von kleinstrukturierter Landwirtschaft geprägten Region nicht viele Arbeitsplätze für junge, gut ausgebildete Menschen, die unsere zwei maturaführenden Schulen aber hier hervorbringt. Daher haben wir überlegt, wie man Arbeitsplätze für solche Personen schafft.

Und dieses Projekt sind Sie in der Region ganz allein angegangen?

Keineswegs. An Fahrt hat unser Konzept aufgenommen, als Österreich 1995 Mitglied der Europäischen Union wurde. Das Burgenland wurde im Zuge dessen eines der Ziel-1-Fördergebiete, wodurch wir viele Subventionen lukrieren konnten.

Wofür haben Sie diese Gelder konkret verwendet?

Den Anfang machte die Errichtung der Güssinger Fernwärme, die vor allem von ihrer Umgebung zehrt: Durch die vielen Wälder in unserer Region steht ein nachwachsender Brennstoff in genügender Anzahl zur Verfügung. Aber auch die Privatwirtschaft schätzt diese Art der Versorgung. So haben sich inzwischen einige holzverarbeitende Betriebe angesiedelt, die ihre Produktionsabfälle ins Netz einspeisen und dafür Fernwärme bekommen. Rund 280 Arbeitsplätze wurden von diesen Unternehmen geschaffen.

Aber allein bei diesem Kraftwerk ist es nicht geblieben?

Genau. Wir versuchen immer wieder neue Partner für eine nachhaltige Strategie in unserer Region zu gewinnen. Zum Beispiel hat sich in Güssing auch ein Unternehmen angesiedelt, dass aus Früchten Naturfarbstoffe erzeugt. Zudem hat seit 1996 das Europäische Zentrum für erneuerbare Energie hier seinen Sitz, das regelmäßig neue Ansätze für ein nachhaltiges Energiemanagement entwickelt.

Die Gemeinde überlässt die Arbeit jedoch vermutlich nicht nur ihren Partnern?

Nein, auch in der Verwaltung machen wir uns Gedanken über ökologisch sinnvolle Energieversorgung – insbesondere darüber, wie wir im Ort den CO2-Ausstoß möglichst gering halten können. So arbeiten wir zum Beispiel daran, unsere Straßenbeleuchtung sukzessive auf LED-Lampen umzustellen.

Gerade kleinere Gemeinden schwimmen in der Regel nicht im Geld. So eine Umstellung ist doch auch mit hohen Kosten verbunden?

Natürlich kostet das in der Anschaffung erst einmal etwas. Wenn man aber bedenkt, wieviel Energie man so einspart und der Reparaturaufwand erheblich geringer ist, rechnet sich das für uns langfristig schon deutlich. Und auch ein Produkt wie die Fernwärme hat ja einen gewissen Preis, weil sie nun einmal aus der Region stammt.

Dennoch wird das von der Bevölkerung angenommen?

Es ist wie in der Ernährung – ein gesundes Produkt wie ein Kornspitz kostet mehr als die Maschinensemmel. Was man letztendlich kauft, ist im privaten Bereich die Entscheidung des Einzelnen. Wer aber auch etwas für die Umwelt insgesamt tun möchte, muss bereit sein, ein bisschen mehr zu zahlen. Bei uns in der Gemeinde wird das aber bereitwillig getan – auch weil die Menschen merken, dass es zur regionalen Wertschöpfung beiträgt.

Während Güssing schon viel Erfahrung in diesem Bereich gesammelt hat, starten andere Gemeinden diese Umstellung gerade erst. Was raten Sie den Kollegen? 

Erst einmal sollte man Einsparungspotenziale identifizieren und dann dort ansetzen. In der Regel lässt sich gerade bei öffentlichen Gebäuden und der Straßenbeleuchtung schon viel tun. Man sollte sich dann aber nicht auf ein Allheilmittel konzentrieren – auf die Mischung kommt es an: Welche Kombination von Photovoltaik, Solarenergie, Fernwärme und LED-Beleuchtung Sinn ergibt, ist von Ort zu Ort ganz verschieden.